20. April 2020
20. April 2020
sam

Vom Bösen und bösen Menschen

„NIMM DAS UNIVERSUM UND MAHL ES, BIS ES ZU EINEM GANZ FEINEN PULVER WIRD, UND DANN FILTERE ES DURCH DAS FEINSTE SIEB, UND DANN ZEIG MIR AUCH NUR EIN ATOM GERECHTIGKEIT, EIN MOLEKÜL GNADE. UND DOCH... Tod [der, wie man wissen muss, in GROSSBUCHSTABEN spricht (Anm.d.SchmF.)] winkte mit einer Hand. UND DOCH VERHALTEN SICH DIE MENSCHEN SO, ALS GÄBE ES EINE IDEALE ORDNUNG IN DER WELT, EINE... RICHTIGKEIT IM UNIVERSUM, DIE ALS MAßSTAB ALLER DINGE GELTEN KÖNNTE.“

Terry Pratchett, Schweinsgalopp, Dialog zwischen Tod und Susanne.

Hallöle ihr guten Menschen. Schön, dass ihr da seid. Zu einem meiner eher aktuellen Texte, Die Macht der Mitte, erreichten mich zu einigen Sachen einige Widersprüche. Darunter; zum Bösen. Finde ich gut. Wir kommen zum Bösen.

Vom Bösen im Allgemeinen

Meine Grundthese, wie sie in jenem Text besonders, in allen anderen zumindest hintergründig anklingt, „es gibt keine bösen Menschen“, ist nicht nur relativ steil, sondern zudem auch weit aus dem Fenster gelehnt. Hinzu kommt, dass „gut“ und „böse“ abstrakte Begriffe sind, wie sie eben jener Menschenwahn, dass wir etwas besonderes seien, hervorbringt; etwas höheres, als das, was wir sind: ein Tier, welches sich seiner Sterblichkeit bewusst und infolge dessen völlig irre ist. Frei nach dem einführenden Zitat, mag man jedes Staubkörnchen zermahlen, jedes Molekül spalten - nirgends werden wir ein „falsch“ oder ein „richtig“, ein „gut“ oder ein „böse“ finden. Es sind ausgedachte, abstrakte Mythen und infolge dessen diskutieren wir um etwas fiktionales, etwas, wovon wir wissen, dass es ausgedacht ist und dass es für den Verlauf des Universums keinerlei Relevanz hat.

Aber weg von den Haarspaltereien verwirrter Sprachkritiker, hin zu jenem Gut und Böse, was wir im Sinn haben, wenn wir darüber reden. Von jenem aufgeladenen Narrativ, wie er dem Gut und Böse in der Geschichtsschreibung innewohnt, über das von Vorstellungen der „Gerechtigkeit“ ummantelte Gut und Böse in Wirtschaft und Politik, hin zu dem persönlichen Erleben im Alltag, diesen kleinen Geschichtchen von Wohltätern und Arschlöchern, wie sie das Leben jeden Tag neu für uns schreibt.

Es gibt keine wissenschaftliche Herangehensweise hieran (wenn auch Versuche zu Teilaspekten) sondern nur die Untersuchung der eigenen Gefühle und Beobachtungen und mit ihnen die Gefühle und Beobachtungen unserer Ahnen. Insofern will ich ungewöhnlich viele von ihnen befragen und das alles am Ende zu meiner persönlichen Überzeugung zusammenführen. Teilt sie oder lasst es, aber das wichtigste - reflektiert euch.

Insofern wird das hier unüblich lang, denn in konfuzianischer Selbstverpflichtung denke auch ich (und das heitere Zitieren beginnt):

„Es mag Dinge geben, die der Edle nicht erforscht hat, aber was er erforscht, davon lässt er nicht ab, bis er es beherrscht. Es mag Dinge geben, nach denen er nicht gefragt hat, aber wonach er fragt, davon lässt er nicht ab, bis er es weiß. Es mag Dinge geben über die er nicht nachgedacht hat, aber worüber er nachdenkt, davon lässt er nicht ab, bis er es gefunden hat. Es mag Dinge geben, die er nicht untersucht hat, aber was er untersucht, davon lässt er nicht ab, bis es klar ist. Es mag Dinge geben, die er nicht getan hat, aber was er tut, davon lässt er nicht ab, bis er es beherrscht. Andre können es vielleicht auf Anhieb, er muss es zehnmal machen. Andere können es vielleicht beim zehnten Mal, er muss es tausendmal machen.“

Jo, ich, ein Schmutzfink, bezeichne mich als den im Zitat gesuchten Edlen und euch, die ihr meinen Anschauungen folgt, ebenso.

Einigen von euch wird aufstoßen, dass viele der Zitate, ebenso wie die Anlehnungen an diese im eigentlichen Text ganz und gar nicht genderkorrekt sind, doch will ich mir dafür Platons Kommentar in einer ganz ähnlichen Situation zu eigen machen: „denn nichts, glaube mir, habe ich über Männer gesagt, was nicht auch für Frauen gilt, soweit ihre Anlage sie dazu befähigt.“ und umgekehrt.

Es geht los.

Wenn man sich die Leute um sich herum, die Leute unter sich, die Leute über sich, also die Leute, die einem so begegnen ansieht und über sie nachdenkt, dann kommt man früher oder später häufig zu dem Schluss, dass sie scheiße sind. Es passiert so viel Scheiße auf der Welt, so viel Mieses und Unrecht, dass einem bei näherer Betrachtung eigentlich überall wo man hinsieht irgendwann schlecht werden muss und früher oder später kommt der denkende Mensch kaum umhin sich zu fragen wo das herkommt. Warum gibt es das; das Böse? Warum scheint es immer stärker zu sein als der Anstand? Und vor allem - warum sind immer die anderen böse und man selbst nie? Ich, ein Schmutzfink, gehe dem auf den Grund und ihr geht mit.

In Epiktets Handbüchlein der Moral, in dem er irgendwann um 100 n. Chr. auf 50 Seiten (Reclam) einen kleinen Leitfaden zum Umgang mit den Mitmenschen formuliert, besteht das Kapitel „Vom Bösen“ aus den exakt 21 Worten:

„Wie ein Ziel nicht aufgestellt wird, damit man es verfehle, so wenig entsteht das Böse von Natur aus in der Welt.“

Fertig.

Aber ist das nun eine Erklärung? Ist es genaugenommen nicht eher mit „solange die Sonne scheint, ist es nicht dunkel“ gleichzusetzen - unbedingt wahr, aber nur bedingt hilfreich? Mag man meinen. in Wirklichkeit schließt dieser Satz einige Erklärungen zum Bösen aus. Beispielsweise, dass es naturgegebenes wie Kopfformen oder Rassen geben könnte, die Bosheit implizieren. Weder sind Männer per se böse, noch Frauen, nein, Bosheit ist immer eine Dysfunktion bei Dingen, die auch gut sein könnten. So lese ich den Satz und so bringt er tatsächlich eine gewisse Tiefe mit. Nicht nur das - im Endeffekt werde ich hier zum selben Schluss kommen und wen die Argumentation da hin nicht interessiert, der kann hier auch schon wieder aufhören zu lesen.

Vom großen Bösen

Wer mich kennt oder meine „Arbeit“ verfolgt, weiß, dass ich die feste Überzeugung vertrete, dass es keine bösen Menschen gibt, nein, dass jeder Mensch in seinem eigenen Weltbild der Gute ist. Wenn man sich vor diesem Ansatz mit den Beweggründen böser Menschen auseinandersetzt, dann findet man auch schnell Bestätigungen dafür, doch - es ist in unserer Welt, in der es nur noch Schwarz und Weiß zu geben scheint, sehr schwer geworden, das Böse zu ergründen, da man immer, wenn man versucht die Intention des vermeintlich Bösen zu verstehen, sofort damit gemein gemacht wird. Wenn ich Putins Verhalten einordnen will, bin ich ein Putinversteher, wenn ich Linke einordnen will, bin ich Linksextremist und wenn ich mich ernsthaft frage aus welcher Situation, bzw. aus welchem intellektuellen Aussetzer heraus, jemand die AfD wählen würde, bin ich Nazi. Wenn Leuten das Verhalten anderer Leute nicht passt, dann hat man gefälligst mit der Erklärung „weil sie böse sind“ vorlieb zu nehmen. Das ist aber dumm, denn, und hier zitiere ich die Passage aus dem Text, dessen euphorischer Zu- oder eben Widerspruch aus der Leserschaft mich zu diesem hier veranlasste: 

„Wir sind alle Menschen. Niemand von uns ist böse. Kein Mensch, ob Nazi, Grünen-Politiker, Christsozialer, Firmenchef oder Lobbyist steht morgens auf und denkt sich „och, heute bin ich mal böse“. Jeder ist in seinem Weltbild irgendwie der Gute. Mancher aus Überzeugung, mancher mit Hilfe von vielviel Kokain, jeder schafft es sich einzureden das Richtige zu tun. Das scheint ein relevanter Bestandteil des Menschseins zu sein.“

Und ich gehe noch weiter; ich behaupte sogar die Azubine zur Versicherungskauffrau, die am Telefon dem armen Ömmacken erklärt, dass dies oder jenes nicht erstattet wird, weil sie nunmal nur gesetzlich krankenversichert ist und es sich für sie nicht mehr lohnt, ist nicht böse - sie fällt einfach nur auf die selben Lügen rein, wie sie die Mütter und Väter der Filzfabrik „Flächendeckende Krankenversicherung“ jeden Tag ausgeben, die ihrerseits auch nicht böse in dem Sinne sind, sondern lediglich dankbar eine Chance ergreifen, die ihnen die Bürgerinnen und Bürger, die ihre demokratischen Hausaufgaben nicht machen, bereitwillig anbieten. Was würdet ihr tun, um euren Ehepartnern das beste Leben zu ermöglichen, welches ihr euch leisten könnt? Was würdet ihr tun, um eure Kinder in den besten Vierteln aufziehen zu können? Was, um sie auf die besten Schulen schicken zu können, was, um sie bestmöglich zu fördern? Erzählt mir nicht, dass ihr ein System sprengen würdet, was euch reich macht, weil jene, die euch beobachten sollten, fett und faul sind und lieber Gewaltfantasien gegen eine minderjährige Umweltschützerin ausleben, Flüchtlinge, deren Ursache sie sind, ablehnen und sich über Kinderchöre, die selbstironisch (!!!) Großmütter „verunglimpfen“ aufregen.

Und auch diese Menschen sind nicht böse, sie sind Folge einer verwahrlosten Demokratie, einer satten, fetten und sorgenfreien Gesellschaft. Das satte, fette und sorgenfreie Gesellschaften eben immer dazu neigen dergestalt zu degenerieren ist nichts neues - Westerwelle hat sich den Terminus der „spätrömischen Dekadenz“ seinerzeit nicht ausgedacht; nur sehr unangebracht angewandt. Laut Platon haben wir es insgesamt mit vier Staatsformen zu tun, „deren Betrachtung der Mühe wert sei“. Für gewöhnlich begründet ein hervorragender Mann einen Staat und legt ihn, sofern das Gebilde ihn überleben soll, in die Hände der fähigsten Männer, welche wiederum die Aristokratie begründen. Aus der Aristokratie erwächst im Verfall als Zwischenform die Timokratie, flüssig übergehend in die Oligarchie, eine korrupte und rein auf materiellem Besitz beruhende Perversion der Aristokratie, derer die Menschen irgendwann überdrüssig werden. Die Demokratie entsteht in der Folge dann, „wenn die Armen siegen und ihre Gegner töten oder verbannen, alle übrigen aber nach gleichem Recht an Verfassung und Ämtern teilnehmen lassen und die Ämter möglichst nach dem Lose vergeben“.

Sie garantiert die höchste Freiheit des Individuums, also „daß es in einem solchen Staat keinen Zwang gibt zur Übernahme von Ämtern, auch nicht, wenn du geeignet bist, auch keinen Zwang zum Gehorsam, wenn du nicht willst; daß man dich nicht zum Krieg zwingt während eines Krieges oder zum Frieden während des Friedens, wenn du nicht Frieden halten willst; oder wenn ein Gesetz dir ein Amt oder eine Richterstelle verbietet, daß du dann nichtsdestoweniger Beamter oder Richter sein kannst, wenn dich die Lust dazu packt - ist ein solches Leben nicht gottvoll und wonnig für den Augenblick?“

Aus ihr erwächst dann die Tyrannis, wenn die Freiheit zur Freiheit dem Zwang zur Freiheit weicht, denn „bedenke nun, wie der Mensch selbst beschaffen ist!“ Das bezieht sich auf einen Schlüsselsatz einige Seiten zuvor in dem es heißt:

„Du weißt doch, daß es ebenso viele Arten menschlicher Charaktere geben muß wie Verfassungen? Oder glaubst du, eine Verfassung entspringe aus einer Eiche oder einem Felsen, nicht aber aus den Charakteren im Staat, die wie das Gewicht auf der Waage alles nach sich herziehen?“

Versteht ihr? Staatsformen sind nichts Abstraktes, nichts, was man irgendwie nach Lehrbuch anwendet oder ablehnt (oder, falls doch, scheitert), sondern das, was sich ergibt, wenn eine signifikante Mehrheit einer Gesellschaft die Transformation zu einer anderen Staatsform hin längst vollzogen hat. Konkret; der Aufstieg der AfD ist eben nicht ausschließlich Schuld ihrer Wähler, sondern Symptom einer ganzheitlichen gesellschaftlichen Veränderung - an der wir alle gleichermaßen teilhaben und an der wir deshalb auch alle gleichermaßen Schuld tragen. Die NSDAP wäre ihrerzeit nicht durchgestartet, wenn die deutsche Gesellschaft nicht längst alle Eigenschaften ausgebildet hätte, die vonnöten sind, sich einem Führertypus, wie dem Hitlers, unterzuordnen. Während Republikaner, NPD und DVU mit dem identischen Programm eben nie vergleichbar durchstarten konnten, da die Demokratie, die sie bekämpften, noch zu frisch, zu wenig verkommen war. Wisst ihr noch, wie wir uns als Kinder immer beömmelt haben, wenn man uns in der Schule gezwungen hat, uns irgendwelche Hitlerreden reinzuziehen? Wir haben uns zwei Finger unter die Nase gehalten und versucht mit ähnlich affigem Gestus zu reden. Wenn wir uns heute Höcke, der eine mindestens ebenso alberne Art zu sprechen an den Tag legt, reinziehen lachen wir wieder... wir. Doch müssen wir feststellen, dass sonst keiner lacht - sondern alle zuhören. Das deutsche Volk ist längst wieder bereit, solche Leute ernstzunehmen und seine Rechte und Freiheiten für die Herrschaft der Wirtschaftsmarionetten zu opfern - das Gekicher bleibt einem irgendwie im Halse stecken.

Was in Platons Politeia folgt, klingt nach düsterer Prophetie, ist aber lediglich die Beobachtung menschlicher Gesellschaften, an denen sich in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden offenbar nichts geändert hat.

Das lustige ist nun, dass die deutsche Republik zwar nicht auf eine Oligarchie folgt, der NS-Staat aber den oligarchischen Menschen erzogen hat. Zur Sparsamkeit zwang der Krieg, der asketische Lebensstil entsprach der Ideologie des Herrenmenschen und der Fleiß, die Pünktlichkeit, die Obrigkeitshörigkeit, wurden als „Deutsche Tugenden“ propagiert. Diese kleine Zote der Geschichte erlaubt es uns, Platons oligarchischen Menschen als Blaupause für den Nachkriegspatriarchen zu verwenden.

Platon beschreibt anhand eines fiktiven Knaben, wie er sich zunehmend von den oligarchischen Idealen seiner Eltern, den Tugenden der Unfreiheit, wie Sparsamkeit, Fleiß und Selbstkontrolle emanzipiert und sich zunehmend dem „unnützen“; der schnellen und leicht zu erringenden Triebbefriedigung hingibt:

„Und wenn von seinen Verwandten Hilfe kommt für das sparsame Element seiner Seele, verschließen die prahlerischen Überzeugungen die Tore der königlichen Mauer in ihm und lassen die Hilfe nicht ein, noch empfangen sie als Gesandte die Ratschläge persönlicher, gereifter Freunde. Sie selbst [die prahlerischen Überzeugungen] aber erkämpfen den Sieg und jagen die Ehrfurcht, die sie Einfalt nennen, hinaus, ehrlos in die Verbannung, treten die Besonnenheit, die sie Unmännlichkeit heißen und beschmutzen, mit den Füßen und vertreiben sie; Maß und ordentlichen Aufwand, die sie für bäurisch und knechtisch halten, weisen sie über die Grenzen mit Hilfe der unnützen Triebe.

[...]

dann lassen sie Hochmut und Willkür, Verschwendung und Unverschämtheit, mit prächtigen Kranzgewinden geschmückt, in langem Zuge aus der Verbannung heimkehren, unter Hymnen und Schmeichelklängen, da sie den Hochmut Wohlerzogenheit, die Willkür Freiheit nennen, die Verschwendungssucht Großzügigkeit und die Unverschämtheit Mut!

[...]

Nun lebt dieser Mensch und opfert sein Geld, dazu Mühe und Zeit den nutzlosen Freuden mehr als den notwendigen.

[...]

So lebt er in den Tag hinein und schenkt sich dem Trieb, der ihn befällt, bald trunken, von Flöten bezaubert, bald nüchtern bei Wasser und mager geworden, bald übt er Gymnastik, bald lungert er träge und sorgt sich um nichts, bald will er - so scheint es - gar philosophieren! Oft treibt er Politik, springt auf, hält Reden, setzt Taten - wie es ihm gefällt! Er stürzt sich in den Kampf, wenn Krieger - ins Geschäft, wenn Händler seinen Ehrgeiz wecken. Kein ordnender Zwang waltet über sein Leben, doch süß nennt er und frei es und selig - und genießt es zur Neige.“

Es ist spaßig zu sehen, dass es gar keinen Kapitalismus braucht, um unseren Konsumwahn, unseren Nihilismus, unsere Wohlstandsbeschäftigungen, wie Sport und Diäten, Flexitariertum und ausschließlich fürs Gewissen bezahlte Mitgliedsbeiträge im Fitnessstudio, oder die Existenz eigenartiger Erscheinungen wie mich, zu erklären - er ist lediglich das Vehikel, mit dessen Hilfe gelangweilte Demokraten tun, was sie seit den ersten bekannten Demokratien eh immer tun. Aber damit nicht genug:

„Das höchste Gut, das sich die Oligarchie vor Augen stellte und worauf sie sich gründete war doch der Reichtum?

[...]

Die Unersättlichkeit darin und die Vernachlässigung aller anderen Aufgaben nur infolge des Gelderwerbs richteten sie zugrunde.

[...]

Auch die Demokratie geht an dem unersättlichen Streben nach ihrem höchsten Gut zugrunde.

»Welches Gut meinst du?«

Die Freiheit!

[...]

Wenn ein demokratischer Staat in seinem Freiheitsdurst schlechte Mundschenken als Berater hat und sich an der ungemischten Freiheit über das Maß hinaus berauscht, dann bestraft er seine Beamten, wenn sie nicht ganz nachgiebig sind und ihm alle Freiheit gewähren, und beschuldigt sie verbrecherischer und oligarchischer Gesinnung.

[...]

Wer den Behörden gehorcht, den beschimpft man als Liebediener und Lumpen, Beamte aber, die sich wie Untertanen, und Untertanen, die sich wie Beamte aufführen, die lobt und ehrt man privat und öffentlich. In einem solchen Staat muß der Freiheitsdrang alles erfassen, nicht?

[...]

Der Vater gewöhnt sich, dem Kinde zu gleichen und die Söhne zu fürchten, der Sohn will dem Vater gleichen, achtet und fürchtet nicht die Eltern, um nur frei zu sein;...

[...]

Der Lehrer fürchtet in dieser Lage die Schüler und schmeichelt ihnen, die Schüler machen sich nichts aus den Lehrern, nichts aus den Erziehern. Und überhaupt stellen sich die Jungen den Alten gleich und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, die Alten lassen sich zu den Jungen herab und sind voll Freundlichkeit und Gefälligkeit gegen sie und ahmen sie nach, um nur ja nicht unliebenswürdig und herrisch zu erscheinen.

[...]

... zuletzt kümmern sie sich nicht einmal um die Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur ja nirgends einen Herrn über sich zu haben.“

Wiederholt sich das nicht alles in Politikern, die auf sozialen Netzwerken einen auf nahbar und „einer-von-euch“ machen? Darin, wie wir zu unseren Lehrern stehen? Zu unseren Eltern?Unterstreicht die Tatsache, dass political correctness als Schimpfwort verwendet wird nicht, wie wir ungeschriebene Gesetze des Anstandes ablehnen „um nur ja nirgends einen Herrn“ über uns zu haben? Wie die AfD die Grenzen des „sagbaren“ immer weiter verschiebt und zugleich behauptet, dass sie das nicht dürfte?

Aber hier ist noch nicht Schluss:

„Es schlägt ja tatsächlich in der Regel jede Übertreibung in ihr Gegenteil um, in den Jahreszeiten, bei den Pflanzen und Körpern und nicht zum wenigsten bei den Verfassungen.

[...]

Denn ein Übermaß von Freiheit schlägt beim einzelnen wie beim Staat in ein Übermaß von Knechtschaft um.

[...]

Und mit Recht entsteht somit, denke ich, die Tyrannis aus keiner anderen Verfassung als aus der Demokratie, aus der höchsten Freiheit die tiefste und härteste Knechtschaft.

[...]

Doch fragtest du, glaube ich, nicht danach, sondern nach der Krankheit, die völlig gleich in Oligarchie und Demokratie entsteht und beide zugrunde richtet.

[...]

Ich meinte jene Art der faulen Verschwender, unter denen die tapfersten führen, die Feigen nachfolgen; sie verglichen wir mit Drohnen, von denen die einen Stacheln haben, die andern nicht.“

Er hatte zuvor bei der Abhandlung der Oligarchie die notwendigen und die nichtnotwendigen Dinge definiert und bezeichnete jene, die im Übermaß den nichtnotwendigen frönen als Drohnen, als die leicht zu steuernde Masse jener Menschen, die einfach nicht zu größerem bestimmt sind und das soweit auch okay finden, wenn sie nur genug Ablenkung, zu fressen im Übermaß und immer was zu bumsen haben. Jene ohne Stacheln würden Bettler und Taugenichtse, jene mit Stacheln Diebe und Halunken. „Unter Drohnen verstanden wir nun Menschen, die von solchen Lüsten und Leidenschaften strotzen und von überflüssigen Trieben beherrscht werden, sparsam und oligarchisch aber nannten wir einen Mann, der sich nur von den notwendigen leiten läßt.“ Weiter:

„Wir wollen den demokratischen Staat in Gedanken in drei Teile zerlegen, die er ja auch tatsächlich hat. Den einen bildet das erwähnte Geschlecht der Drohnen, das infolge der Ungebundenheit hier nicht weniger gedeiht als in der Oligarchie.

[...]

Sondern viel üppiger als dort.

[...]

Weil es dort unbeachtet und von den Ämtern ausgeschlossen ist, bleibt es ohne Übung und daher schwach, in der Demokratie hingegen steht dieser Teil ganz vorne - mit wenigen guten Ausnahmen: die Kecksten wirken dort in Rede und Tat, der Rest sitzt um die Rednerbühne und läßt infolge seines Gebrumms keine andere Meinung aufkommen; daher liegt die Leitung eines demokratischen Staates fast ausnahmslos in den Händen solcher Menschen.

[...]

Eine zweite Gruppe folgender Art sondert sich vom Volk weiter ab.

[...]

Wenn alle auf Gelderwerb aus sind, werden die Ordnungsliebendsten zumeist auch die reichsten sein, nicht?

»Wahrscheinlich«

Hier gibt es für die Drohnen den meisten Honig, zugleich am leichtesten zu gewinnen.

»Wie sollten sie ihn auch aus den Armen herauspressen?«

Daher nennt man diese Reichen eine ‘Drohnenweide’.

Der dritte Teil ist das Volk selbst, alle die, welche von ihrer Hände Arbeit leben und sich sonst um nichts anderes kümmern; es sind arme Leute, aber sie sind der größte und entscheidendste Teil in der Demokratie, wenn sie vollzählig versammelt sind.

»So ist es! Doch will das Volk dies nicht häufig tun, wenn es nicht auch Anteil am Honig erhält.«

Den erhält es auch immer, soweit die Politiker den Besitzenden ihre Habe wegnehmen; davon verteilen sie ein wenig unters Volk, das meiste behalten sie selbst.

[...]

Die Leute, denen man ihr Vermögen nimmt, sind gezwungen sich zu wehren, durch Reden vor dem Volk wie auch durch Handlungen - wie sie nur können.

[...]

Auch wenn sie keinen Umsturz planen, beschuldigen die andern sie der Feindschaft gegen die Demokratie und oligarchischer Gesinnung.

[...]

Und wenn sie schließlich sehen, wie sich das Volk - nicht etwa absichtlich, sondern ahnungslos und von jenen [den Drohnen] Verleumdern hintergangen - an ihnen vergehen will, dann erst werden sie, ob sie wollen oder nicht, in Wahrheit Oligarchen: nicht aus eigenem Willen, sondern jene Drohne ist es, die durch ihre Stachelstiche dieses Unglück erzeugt.

[...]

Anklagen, Urteile, Prozesse gegeneinander sind die Folge.

[...]

Nun pflegt doch immer das Volk gerade einen Mann vor allen andern an seine Spitze zu stellen und diesen aufzupäppeln und großzuziehen.

[...]

Und jetzt ist dies klar: Wenn ein Tyrann entsteht, dann wächst er aus dieser Wurzel des Führertums und aus keiner andern.

[...]

... wer an der Spitze des Volkes steht, mit seinem Haufen, der ihm treu ergeben ist bis in den Tod - wenn dieser Mann sich nicht freihält vom stammverwandtem Blut, sondern den Gegner wider Recht - wie es oft vorkommt - vor Gericht schleift und sich dann mit Blut befleckt, weil er ein Menschenleben vernichtet und mit ruchloser Lippe und Zunge vom verwandten Blut kostet, und wenn er verbannt und tötet und von Schuldentilgung und Ackerverteilung spricht, dann ist es diesem Mann verhängt und schicksalsbestimmt, entweder unterzugehen unter den Händen der Gegner oder ein Tyrann zu werden, aus einem Menschen also ein Wolf.

Und nun erinnern wir uns an Geschichtslehrer Höckes Rede auf dem Nationaltreffen der AfD: „Wir entscheiden uns an dieser Stelle, Wolf zu sein!“ Creepy, was? Wer die Politeia an dieser Stelle weiter liest, kann mitverfolgen, dass Hitlers Aufstieg ebenso wenig überraschend kommt, wie der Trumps und sieht auch die mögliche Zukunft Höckes in verstörender Klarheit aufgedeckt, das ist aber nicht das Thema hier. Noch sind wir Demokraten.

Muss denn nun jede Demokratie in der Tyrannis enden? Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass die römische Demokratie in der Tyrannis der Cäsaren endete. Wir wissen, dass die französische Demokratie in der Tyrannis Napoleons endete. Wir wissen, dass die deutsche Demokratie in der Tyrannis Hitlers endete. Und vermutlich sehen wir gerade dabei zu, wie die amerikanische Demokratie in der Tyrannis Trumps endet. Wir wissen also, dass das, was gerade bei uns passiert, die natürliche Folge einer Demokratie ist, die ihren Zenit womöglich überschritten hat. Der Franzose Le Bon (gleich mehr) stellte knapp 2500 Jahre nach Platon fest, „wenn sie [die Massen] sich selbst überlassen werden, erlebt man bald, dass sie, ihrer Zügellosigkeit überdrüssig, instinktiv die Knechtschaft zusteuern.“ Die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt bestätigt in den 60ern des letzten Jahrhunderts im Angesicht des überwundenen Nationalsozialismus erneut: „Große Anhäufungen von Menschen entwickeln eine nahezu automatische Tendenz zu despotischen Herrschaftsformen, sei es nun die despotische Herrschaft eines Mannes oder der Despotismus von Majoritäten.“ Was wir nicht wissen ist wieso.

Der Hass der AfD und ihrer Anhänger ist doch böse? Die Bösartigkeit, die beleidigende Art, das völlige Ignorieren der ungeschriebenen Gesetze, die Schläger von Chemnitz, die Mörder von Lübcke, die bewaffneten Terroristen von Uniter, all das Böse im Fahrwasser der AfD, wo kommt das her? Wie schafft dieser Schmutzfink es, vor diesen Entwicklungen zu behaupten, dass es keine „bösen“ Menschen gibt?

Ein vorläufiger kleiner Exkurs zum Guten:

Ganz grundsätzlich gibt es eine Faustregel, wie sie alle Kulturen irgendwann mal hervorgebracht haben - die „Goldene Regel“.

Jesus fasst sie als das, seines Erachtens, wichtigste Gebot der heiligen Schriften in ihrer prägnantesten Version zusammen: du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Punkt.

Oder?

Das Problem hierbei: wer ist mein „nächster“? Meine Familie? Meine Stammesgenossen bei vielleicht nomadischer Lebensweise? Meine Nachbarn? Und wenn schon; jemand, der mir etwas antut, ist doch nicht mein Nächster, sondern ganz klar mein Feind, oder nicht?

Oder nicht! stellen die Autoren des mosaischen Gesetzes im Originalwortlaut schnell klar:

„Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin dein Herr.“

Lev 19.18

Aha! Mein Volk ist mein Nächster und alle anderen Völker sind Feinde. Danke, mein He... Nein! grätscht überraschend Konfuzius von der Seite dazwischen, wenn er die Goldene Regel in ihrer heute häufigsten Anwendung formuliert und sagt: 

„Wenn man die Prinzipien der menschlichen Natur, Wohlwollen und Gegenseitigkeit, befolgt, so wird man nicht weit vom rechten Weg abirren. Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

Keinem anderen? Wegen menschlicher Natur?

Dafür! plädiert es nun auch vonseiten jüdischer Gelehrter. So ist aus dem babylonischen Talmud die Geschichte des Rabbis Hillal überliefert, den ein Heide aufsuchte und aufforderte: „Mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, dass du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Bein stehe.“ Der Rabbi erwiderte: „Was dir selbst zuwider ist, das tue deinem Nächsten nicht an. Das ist die Thora ganz und gar, alles andere ist ihre Auslegung. Geh und lerne das.“ Die Tatsache, dass er das einem fremdländischen Heiden aufträgt, unterstreicht die allgemeine Gültigkeit.

Ja, legen zuletzt auch die Autoren des Neuen Testamentes das Alte aus, wenn zum Beispiel der Evangelist Matthäus im 12. Vers seines 7. Kapitels fordert „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ und damit dann auch in der Kultur des Abendlandes eine globale Gültigkeit verankert. Der Mensch ist per se dein Nächster.

Globale Gültigkeit? Najaaaaa... Menschen wären ja keine Menschen, wenn sie nicht selbst bei einer solch unmissverständlichen Ansage noch irgendein Schlupfloch fänden, nicht wahr?

Was ist eigentlich so ein Mensch?

Lange Zeit war das völlig klar; Menschen sind Menschen, was auch sonst? Ja, „Geistliche“ aller Couleur fanden immer wieder Mittel und Wege Ungläubige zu Unmenschen zu erklären. Das setzt aber ein hohes Maß an Unbildung voraus, da ihre jeweiligen Religionen alle mit einer Form der Goldenen Regel daherkommen. Nicht umsonst stand die Bibel lange genug auf dem Index der Katholischen Kirche - richtig. Man kann kann ebensowenig Kreuzzüge mit Christen führen, die die Bibel kennen, wie „Djihads“ mit Gläubigen, die den Koran kennen. Das war ja das eigentlich Ungeheuere, was Luther tat, als er die Bibel übersetzte und dem Volk zugänglich machte. Das hinderte den Klerus nachhaltig, seine Opfer zu instrumentalisieren. Doch dann kam Darwin. Plötzlich fand man heraus, dass es unterschiedliche Menschen gibt, dass Menschen vom Affen abstammen und es so doch völlig logisch ist, dass es äffischere und modernere Menschen geben muss. Wir sind zwar alle Menschen aber manche sind halt menschlicher. Dass weder Darwin das suggeriert, noch es wissenschaftlich irgendwie zu halten wäre (siehe hierzu vielleicht auch Lasse reden oder Nazikram), tat erstmal nichts zur Sache. Nur eine kurze Rechnung: wir nehmen an, dass Homo sapiens wohl um die 300.000 Jahre alt ist. Jeder von uns hat zwei Eltern. Wenn wir extrem konservativ schätzen, dass Menschen erst mit 30 Kinder kriegen, können wir eine Generation mit 30 Jahren annehmen. Wenn wir nun 33 Generation, also knapp 1.000 Jahre zurückgehen, ist jeder von uns mit 17 Milliarden Menschen verwandt... 1.000 Jahre. Von 300.000. Es gibt gerade mal 7 Milliarden Menschen. Und auch die erst seit neuestem. Die heutige Gentechnik meint sogar, alle heute lebenden Frauen als Nachfahrinnen einer Frau, der mytochondrialen Eva, die vor etwa 100.000 Jahren lebte, identifiziert zu haben und alle Menschen einer Gruppe von etwa 100 Personen, die Afrika einst gemeinsam mit ihr verließen, zuordnen zu können. Demnach sind die heutigen Afrikaner allesamt Nachfahren von Menschen, die einst aus Europa zurückkehrten und jene, die Jahrtausende zuvor zurückblieben, auslöschten oder verdrängten. Sie sind weitergedacht also keine äffische Vorform moderner Europäer, sondern unter der zweifelhaften Prämisse, dass wir auch nur den Hauch einer Vorstellung davon hätten, was damals passiert sein mag, eine Weiterentwicklung! Es ist daher offenkundig, dass es längst keine genetischen Verbindungen zu Vormenschen gibt, die wir nicht alle, als die inzestuösen Geschöpfe, die wir nunmal sind, teilen, was auch diese „Wo-komme-ich-her-Gentests“ so herrlich unsinnig macht; wir kommen alle von überall.

Es fand dennoch eine besondere und neuartige Form der Entmenschlichung statt. Wenn Konfuzius „Wohlwollen und Gegenseitigkeit“ als „Prinzipien der menschlichen Natur“ bezeichnet, dann ist das kein romantisch verklärter Blumenkinder-Quatsch, sondern wahr. Wir müssen andere Menschen entmenschlichen um ihnen „unmenschliches“ überhaupt antun zu können. Gewisse Formen der Entmenschlichung sind seit je her strategisches Mittel, um eine Masse zu ihrem Nachteil und dem eigenen Vorteil gegen einen Feind zu führen. Und die erfolgreichste Form der prädarwinistischen Entmenschlichung ist wohl, wie gesagt, die Religion bzw. wie ich es nenne, der „religiöse Affekt“. Lange nach Platon, vor etwa 150 Jahren, taucht dann jemand auf, der endlich einem Wieso auf die Spur kommt, die Mechanismen, unter denen gute Leute, ihre Güte verlieren und sich nichtsdestotrotz für gut halten, benennt; als „Psychologie der Massen“. Unter Beobachtung der Dynamiken der blutigen Französischen Revolution und ihrer umso blutigeren Nachwehen, stellt Gustave Le Bon 1895 im 4. Kapitel der Psychologie der Massen fest:

„[...] blinde Unterwerfung unter seine Befehle, Unfähigkeit seine Glaubenslehre zu untersuchen, die Bestrebung, sie zu verbreiten, die Neigung, alle als Feinde zu betrachten, die sie nicht annehmen. Ob sich ein derartiges Gefühl auf einen unsichtbaren Gott, auf ein steinernes Idol, auf einen Helden oder auf eine politische Idee richtet - sobald es die angeführten Merkmale aufweist, ist es immer religiöser Art. [...] Die Jakobiner [(eine politische Gruppierung der Französischen Revolution)] der Schreckenstage waren ebenso tief religiös, wie die Katholiken der Inquisition, und ihr grausamer Eifer entsprang der gleichen Quelle. [...] Der Held, dem die Masse zujubelt, ist in der Tat ein Gott für sie. Napoleon war es fünfzehn Jahre lang, und keine Gottheit hat eifrigere Anbeter gehabt; auch sandte keine die Menschen leichter in den Tod.“

Damit bescheinigt er dem Tyrannen Napoleon eine Voraussetzung, die Platon schon mit „wer an der Spitze des Volkes steht, mit seinem Haufen, der ihm treu ergeben ist bis in den Tod“ als gegeben nimmt. Und so wie Platon den demokratischen Nährboden für die Entstehung solcher tyrannischer Menschen beschreibt, so beschreibt Le Bon die Mechanismen nach denen sie sich durchsetzen.

Wenn man dann mithilfe eines solchen religiösen Affektes eine Masse erschaffen hat, dann kommt eben zum Tragen, was man braucht, um Gewalt durchzusetzen:

„Der allein stehende ist sich klar darüber, dass er allein keinen Palast einäschern, keinen Laden plündern könnte, und die Versuchung dazu kommt ihm kaum in den Sinn. Als Glied einer Masse aber übernimmt er das Machtbewusstsein, das ihm die Menge verleiht, und wird der ersten Anregung zu Mord und Plünderung augenblicklich nachgeben.“

Indem man also eine Masse zusammengehöriger erschafft, kann man Individuen, die nicht dieser Masse angehören innerlich entmenschlichen und sich vor sich selbst von dem moralischen Grundsatz der Goldenen Regel distanzieren. So brauchen mittelalterliche Fürsten ihre Schulden bei jüdischen Bankiers nicht begleichen, wenn sie nur eine hysterische Masse erschaffen, die davon ausgeht, dass Juden im Auftrag des Teufels Brunnen vergifteten und Babys essen, was gar nicht schwer ist, da die Masse „alles kritischen Geistes bar, von einer übermäßigen Leichtgläubigkeit“ ist. Ein ganz wunderbares Beispiel heute; die massenhaft für wahr gehaltenen Fake-Bots Putins, Erdogans oder der AfD. Es ist auch leicht, alle Bewohner einer großen Stadt zu eliminieren, wenn Gott doch will, dass man sie von den bösen Muslimen, die sie gestohlen haben, befreit. Dass es sich hierbei um eine ausschließlich christlich bevölkerte Stadt handelt, wie im Fall Konstantinopels, tut dann auch nichts mehr zur Sache. Es ist das „Wir“ und das „Die“, die „richtigen“ und die „falschen“ Menschen. 

Le Bon führt auch diverse weitere Beobachtungen aus, die Platon anreißt, deren Richtigkeit wir am Vorabend des Nationalsozialismus genauso feststellen können, wie heute im Umgang mit der AfD. So vergleicht Platon an einer Stelle die Weisen des Volkes der sterbenden Demokratie mit dem Steuermann eines Schiffes und das Volk als ungelernte Matrosen, die alle mal steuern wollen:

„Wer sich also wundert, wenn die Philosophen in den Staaten nicht geehrt werden [...], versuche ihn zu überzeugen, daß es viel verwunderlicher wäre, wenn sie geehrt würden. Und auch darüber, daß er recht hat mit seiner Behauptung, gerade die Tüchtigsten in der Philosophie seien in den Augen der Masse unbrauchbare Leute. Doch an dieser Unbrauchbarkeit soll er - so trage ihm auf - die Schuld jenen Leuten geben, die sich nicht der Philosophen bedienen, nicht aber den tüchtigen Philosophen. Denn es ist unnatürlich, wenn ein Steuermann die Schiffer bitten soll, sich von ihm lenken zu lassen, oder wenn die Weisen zu den Türen der Reichen gehen; [...] Wenn du die Herren im Staate mit den Schiffern vergleichst [...] und dazu die von jenen Leuten als unbrauchbare Wolkengucker Bezeichneten mit den wahren Steuermännern, dann wirst du nicht fehlgehen.“

Ein paar Sätze weiter heißt es:

„Und ebenso weißt du, daß die breite Masse unter dem Guten die Lust versteht, die feineren Leute aber die Einsicht!“

Le Bon stimmt zu:

„Man darf nicht glauben, eine Idee könne durch den Beweis ihrer Richtigkeit selbst bei gebildeten Geistern Wirkungen erzielen. Man wird davon überzeugt, wenn man sieht, wie wenig Einfluss die klarste Beweisführung auf die Mehrzahl der Menschen hat.“

Und etwas später dann, und mit Bezug auf heute, auf die „Vergewaltigungsopfer“ der „Flüchtlingskrise“ und „Linksextremismus“ geradezu unheimlich:

„Verknüpfung ähnlicher Dinge, wenn sie auch nur oberflächliche Beziehungen zueinander haben, und vorschnelle Verallgemeinerung von Einzelfällen, das sind die Merkmale der Massenlogik. Schlussfolgerungen solcher Art werden den Massen durch geschickte Redner immer wieder vorgesetzt. Von ihnen allein lassen sie sich beeinflussen. Eine logische Kette unumstößlicher Urteile würde für die Massen völlig unfassbar sein, und deshalb darf man sagen, dass sie gar nicht oder falsch urteilen und durch Logik nicht zu beeinflussen sind. [...] Die Urteile, die die Massen annehmen, sind nur aufgedrängte, niemals geprüfte Urteile.

Aus Darwins Theorie zur Entstehung der Arten nun eine wissenschaftliche Grundlage zum Wert und weniger Wert verschiedener Menschengruppen zu stricken, macht tatsächlich vieles einfacher. Ich brauche keine religiös-hysterische Masse, die sich im schlimmsten Fall meiner Kontrolle entzieht und mich frisst, wie die Französische Revolution ihre Kinder, wenn ich mich doch auch über wilde Rassekundethesen davon freimachen kann, alle Menschen moralisch wie Menschen zu behandeln. In Australien gibt es Menschen, die beweisen wollen, dass die Polynesier eher negriden Völkern entstammen, als kaukasischen, was zwar dem heutigen Stand nach falsch ist, aber rechtfertigen würde, wie man ihre Nachfahren, die Aborigines, behandelte - was ansonsten verwerflich gewesen wäre... weisse Bescheid. Rassismus erlaubt, die Juden als komplett verdorbene „Rasse“ darzustellen, die man natürlich nicht wie seine nächsten zu behandeln braucht. Es erlaubt, die Slawen zu einem Sklavenvolk zu erklären und die Ureinwohner Südamerikas und Afrikas als evolutionär Rückständig, was mich davon freimacht die kolonialisierten wie meinen Nächsten zu behandeln. So stellt sich der Kommentator um 1900 herum im Vorwort zu Paul Heichens „Afrika-Handbuch" die ernstgemeinte Frage:

„Wird auch hier das alte Naturgesetz zur Geltung gelangen, dass die niedere Rasse im Verkehr mit der höhern verschwindet? Sind die Tage der Neger Afrikas ebenso gezählt wie jene der Indianer Amerikas? Oder wird der Same der Kultur, der mit edler Selbstaufopferung von den Weißen in ihre Länder getragen wurde, dort aufgehen und sie befähigen, über kurz oder lang teilzunehmen an der Arbeit der Zivilisation?“

20 Jahre später vollziehen seine Volksgenossen den Massenmord an den Herero. Der Rassebegriff ist heute verpönt, die Idee jedoch in den Köpfen; wenn politische Akteure heute versuchen, eine ungebildete Masse für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren, dann greift man zum selben Topos im neuen Gewand - Kulturfremdheit. Jemand, der damit allerdings argumentiert, warum manche böser sind, manche zivilisierter, ist nicht weiter ernstzunehmen. Jede Kultur auf der Welt hat den einfachen Grundsatz „was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ ausgebildet und mit jedem Menschen jeder Kultur kann man sich auf dieser Ebene treffen.

Alle Formen der Diskriminierung sind Formen der Entmenschlichung. Auftritt Immanuel Kant. Wenn jemand aus der einfachen Prämisse „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ einen sprachakrobatischen Rundumschlag formulieren kann, der nichts mehr offen lässt, dann ja wohl er. Kant setzt sich daran eine sprachliche Endlösung der Goldenen Regel zu verfassen und formuliert den vielzitierten kategorischen Imperativ:

handle nur nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie allgemeines Gesetz werde.

Ja? Ist das jetzt unmissverständlich klar? Nope, stellt Hannah Ahrendt in Die Banalität des Bösen entgeistert fest. Sie hat den Prozess gegen Eichmann verfolgt und erkannt, dass dieser seine ganze Grausamkeit völlig im Einklang mit diesem kategorischen Imperativ ausleben konnte.

Heinrich Himmler soll seiner Tochter laut Axel Hacke (auch später mehr) 1941 noch „Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig.“ ins Poesiealbum geschrieben haben. Zwei Jahre später bei einer Rede in Posen über die parteiprogrammgemäße Ausrottung der Juden setzte er gar nach:

„Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenblieben, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Und auch hier hätten sie Le Bon befragen können, der 70 Jahre vor den Naziverbrechern über die Konventverbrecher der Französischen Revolution feststellte, dass „alle geistigen Beschaffenheiten Charaktermöglichkeiten enthalten, die sich unter dem Einfluss eines jähen Umgebungswechsels offenbaren können. So befanden sich unter den wildesten, grausamsten Konventmitgliedern gutmütige Bürger, die unter normalen Verhältnissen friedliche Notare oder ehrbare Beamte geworden wären. Als der Sturm vorüber war, nahmen sie ihren Normalcharakter als friedliche Bürger wieder an. Unter ihnen fand Napoleon seine willigsten Diener.“ Hitler las das und wusste, was zu tun ist. Dass der Geschichtslehrer Höcke keine Kenntnis davon hat, klingt unwahrscheinlich.

Und auch der Erfolg Trumps oder der AfD dürfen uns vor der Kenntnis Le Bons nicht überraschen, seit er beobachtete, wie die Rhetorik eines erfolgreichen Demagogen beschaffen zu sein hat:

„Da die Masse nur durch übermäßige Empfindungen erregt wird, muss der Redner, der sie hinreißen will, starke Ausdrücke gebrauchen. Zu den gewöhnlichen Beweismitteln der Redner in Volksversammlungen gehört Schreien, Beteuern, Wiederholen, und niemals darf er den Versuch machen, einen Beweis zu erbringen.

Hehe, klingelts?

Das Internet beschleunigt dank Bubble-Mechanik und dem weinerlichen Gekeife einer hysterischen Minderheit die Bildung einer Masse ungemein, ohne dabei etwas neues zu liefern, oder nochmal mit Hacke, bevor ich ihn euch vorstelle:

„Alle sozialen Tiere [...] verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, sich gegenseitig zu beobachten. Worum geht es denn sonst auf Instagram, Facebook, Twitter? Es ist ein dauerndes Sich-gegenseitig-Beobachten. Um es platt und geradeheraus und auch ein bisschen polemisch zu sagen: Mit den sozialen Medien hat die menschliche Primatengruppe nichts prinzipiell Neues entdeckt oder geschaffen, nur eben neue soziale Medien für die ewig gleiche Beschäftigung mit sich selbst, diesmal auf Welt-Ebene.“

Niemand ist „böse“. Solange wir im Gehirn Formen der Entmenschlichung zulassen, kann jeder von uns eines Tages „böse“ werden - in der völligen Überzeugung das richtige zu tun.

Man knüpft dieser Tage unserem Vorzeigedemagogen Höcke gerne einen Strick daraus, dass er einst gefordert hatte, man solle Hitler endlich erlauben ein Mensch gewesen zu sein - und stapft prompt in die Falle. Wenn rechte Revisionisten fordern, man solle Hitler endlich erlauben ein Mensch gewesen zu sein und kein Dämon, wenn Vergleiche zu Cäsar, Hammurabi oder ägyptischen Pharaonen gezogen werden, denen es ja auch erlaubt ist, Menschen gewesen zu sein, obgleich die Liste Ihrer Verbrechen moralisch wohl ähnlich verheerend zu Buche schlägt, dann ist das Hauptproblem ja, dass es eben von rechten Revisionisten kommt, denen ganz bewusst an einer Verharmlosung des dritten Reiches gelegen ist, was wir als Demokraten natürlich nicht kampflos zulassen können - es ist aber nicht falsch. Wie so oft ist es wieder die Neue Rechte, die mit ihrer Behauptung es gäbe Denkverbote, Denkverbote erschafft, da niemand von denen, die es besser wissen, dem braunen Affen Zucker geben will. Was soll Hitler denn bitte sonst gewesen sein? Ein Alien? Ein Streifenhörnchen gar? Kein Mensch? Doch!! Natürlich war er ein Mensch und nichts weiter. Und einer mit einem einfachen und nachvollziehbaren Konzept noch dazu; der NS-Staat ist nichts weiter, als die nahezu sklavisch befolgte Anleitung Platons zur Errichtung seines Wächterstaats. Dieser ist (neben der Ideenlehre) das eigentliche Ziel Platons gesamter Politeia und der Grund dafür, dass sie (ganz ähnlich wie das Manifest der Kommunistische Partei) ein derart zweischneidiges Schwert ist. Der Wächterstaat ist Platons Lösung für das Dilemma der Demokratie und alles, was er fordert, wurde von Hitler umgesetzt, sei es die Zensur, die Definition richtiger und entarteter Kunst, die Euthanasie, die Zucht des Herrenmenschen, mit ein bisschen Interpretation der Holocaust und vieles, vieles mehr - nichts davon hat Hitler sich ausgedacht und die Anleitung, wie er sich von den Massen in die Position hieven lässt, die es zur Errichtung dieses Staates braucht, lieferte ihm 40 Jahre vor der Machtergreifung der Erbfeind in Person Gustave Le Bons. Seit dem hat sich nichts geändert. Wir sind unverändert bereit, Menschen zu entmenschlichen, indem wir ihnen unmenschliches Verhalten unterstellen. Wie leicht sind wir für die „Todesstrafe für Kinderschänder“ zu begeistern, wie oft titeln Boulevardblätter nach schweren Verbrechen von „Bestien“, von „bestialischen Verbrechen“, wie oft liest man in den Kommentarspalten des Internets, dass dieser oder jener Verbrecher, gerne Tierquäler, „für mich kein Mensch mehr“ sei? Wenn man den Massenmord an den Herero als unmenschlich bezeichnet, leugnet man nicht nur die simple Tatsache, dass es eine Menschentat, also menschlich, war und behindert sich so daran herauszufinden, was Menschen dazu treibt, so zu handeln, sondern verfängt sich zudem zwangsläufig im selben ideologischen Sumpf, der ja eben der Grund dafür ist, warum Menschen sowas tun. Hiermit zitiere ich dann auch den Satz aus der Macht der Mitte, mit dem ich (wenn auch in Bezug zum Umweltschutz) eigentlich gedacht hatte, alles hier vorangegangene verständlich zusammengefasst zu haben:

„Und, um einfach mal ein wenig Distanz zum Thema reinzubringen, muss ich, wie so oft, darauf hinweisen, dass Menschen immer menschlich handeln. Der Vorwurf der Unmenschlichkeit ist immer falsch. Gewaltexzesse, ethnische Säuberungen, die Ausbeutung des Planeten und seiner Fauna; das alles ist, da es von Menschen betrieben wird, menschlich.“

Das große Böse folgt immer der Entmenschlichung. Sobald wir eine Masse bilden, die ein gutes „Wir“ gegen ein böses „Die“ ausspielt, befinden wir uns in der Falle der Entmenschlichung unserer Nächsten. Dabei tut es nichts zur Sache ob wir uns als Masse nun für Umweltschutz oder gegen Ausländer einsetzen, denn (Le Bon:)

„Die mannigfachen Triebe, denen die Massen gehorchen, können je nach Anreiz edel oder grausam, heldenhaft oder feige sein, stets aber sind sie so unabweisbar, dass der Selbsterhaltungstrieb vor ihnen zurücktritt.“

- wir werden zwangsläufig zur Gefahr und müssen uns ununterbrochen reflektieren; richte ich mich noch gegen meinen Nächsten, dessen Positionen ich nicht teile, oder schon lange gegen etwas gesichtsloses, unmenschliches, böses, das es um jeden Preis zu bezwingen gilt - denn in dem Fall bin ich schon Teil der Bosheit, die ich doch ursprünglich bekämpfen wollte.

ALLES Böse hat einen Grund und die einzige Lösung ist, den Grund zu finden. Zu leugnen, dass es diese Gründe gibt und es sich mit „Unmenschlichkeit“ leicht zu machen, ändert nichts an den Gründen, sondern füttert die Seuche nur, während man sich an ihren Symptomen aufreibt.

Erinnert ihr euch noch an den obigen Satz „der Aufstieg der AfD ist eben nicht ausschließlich Schuld ihrer Wähler, sondern Symptom einer ganzheitlichen gesellschaftlichen Veränderung - an der wir alle gleichermaßen teilhaben und an der wir deshalb auch alle gleichermaßen Schuld tragen.“? Das meine ich.

Aber wie ist es mit Menschen, die sich selbst als Böse definieren? Bringt das nicht meine ganze Behauptung ins Wanken? Nun, ja; vorerst... Kommen wir vom großen Bösen zum Kleinen, von der allgemeinen menschlichen Form allgemeiner menschlicher Bosheit zu dem inneren Schweinehund und der Bosheit, wie wir sie ganz persönlich erfahren - und dazu, wie wir damit umgehen.

Vom kleinen Bösen

Ich kannte mal eine, die sich selbst in steter Regelmäßigkeit wortwörtlich als „Oberfotze“ bezeichnet und ich kann sagen, dass ich ganz hervorragend mit ihr zurechtkam und was wir so erlebten, hätte den Rest meines Lebens eine liebevoll gehegte Erinnerung an einen ziemlich verrückten Moment meines Daseins werden können. Obwohl äußere Umstände die Zeit, die wir gemeinsam haben sollten, auf einen konkreten Zeitraum limitierten, ließen wir uns darauf ein und als die Zeit ablief und ich mich in jener bittersüßen Traurigkeit, wie sie einer solchen speziellen Konstellation innewohnt, auf das Ende gefasst machte - wollte sie es nicht mehr beenden. Ich war natürlich verwirrt, widersprach es doch diametral jedem Wort, was sie bislang zu mir gesagt hatte und fragte nach, ob sie das denn wirklich wolle; ja, unbedingt. All die Scheiße, die sie abgezogen hat, habe sie ja eigentlich nur auf der unterbewussten Suche nach mir abgezogen. Ich dachte eine Weile nach und bat sie um das Versprechen, dass wir ehrlich miteinander sind und es uns mitteilen, wenn wir feststellen, dass es erwartungsgemäß nicht funktioniert. Ich bat sie, dass wir die schöne Zeit, die uns keiner mehr nehmen kann in Ehren halten und versicherte ihr, dass ich ein anständiges Ende jederzeit akzeptiere und nicht wütend sein werde, da ich ihre Freiheit keinesfalls einschränken möchte, keinerlei Erwartungen an sie stelle und sie es schon sehr speziell angehen müsste, damit sich das ändert. Ins Gesicht log sie mir, dass mich genau das so groß- und einzigartig mache und dass sie das ja gar nicht wolle, insgeheim scheint sie nur „challenge accepted“ gedacht zu haben. Damit nahm das Unheil seinen Lauf. Nach einem anstrengenden halben Jahr, dessen zweite Hälfte womöglich die anstrengendsten und ganz sicher die verlogensten drei Monate meines Lebens waren, kann ich ihre Selbstbezichtigungen vorbehaltlos unterschreiben.

Was macht man mit so jemandem? Wo ordnet man jemanden ein, der seinen Selbstwert nur daraus ziehen kann, dass sie die „mieseste Oberfotze“ ist, die einem Menschen begegnen kann und sogar ein halbes Jahr ihres Lebens damit vergeudet, dies der einzigen Person zu beweisen, die sie mit anderen Augen sieht? Ist das nicht das Böse in Reinform? Ist das nicht genau jener Mensch, dessen Existenz ich so unbeirrt leugne? Jene dunkle Seele, die morgens aufsteht und sich denkt „och, heute bin ich mal scheiße“? Ja, so scheint es, und ich kann freimütig einräumen, dass dieses Erlebnis meine Überzeugung schwer erschüttert hat und ich es bis heute in jener unangemessenen Irrationalität, die mir einflüstern will, es gäbe (Pratchetts Tod:) „EINE IDEALE ORDNUNG IN DER WELT“, als „unfair“ empfinde, dass ausgerechnet mir ausgerechnet so ein Mensch entgegengeworfen wurde.

Natürlich ist der erste Impuls denkender Menschen Mitleid - unendliches und zersetzendes Mitleid über eine so kaputte Seele, deren einzige Selbstgewissheit darin besteht, im wörtlichsten Sinne des Wortes nicht liebens-wert zu sein.

Andererseits macht es auch wahnsinnig wütend, von einem Menschen, zu dem man immer gut war, aus reiner Böswilligkeit und um sich selbst etwas zu beweisen, wie Scheiße behandelt worden zu sein. Und mit wahnsinnig wütend meine ich wortwörtlich wahnsinnig wütend. Neben diesem klaren, reinen und weißbrennenden Feuer unendlichen Hasses angesichts der Behandlung durch einen völlig grundlos bösen Menschen begreift man zum ersten Mal, dass man noch nie gehasst, sondern bislang schlimmstenfalls starke Abneigung verspürt hat. 

Was tut man da?

Es ist die moralische Frage mit dem Penner und dem Euro.

Darf ich einem Alkoholiker Geld geben, damit er sich Alkohol kaufen kann? Das ist doch schlecht? Andererseits ist er jetzt halt Alkoholiker und mein Geld kann ihm für eine Nacht den Wahn lindern und ihn, obgleich unter einer Brücke, selig betrunken schlafen lassen. Was soll man tun? Ich denke ich habe seinerzeit im Mangel an Informationen, die ich heute habe, falsch gehandelt, als ich mich nach langem hin und her für den Euro entschied und ihr in einer langen, wütenden und bitteren Nachricht verkündete, dass sie gewonnen und mit allem Recht und ich Unrecht hatte und ich den Oberfotzenkram fortan bereitwilligst bestätigen werde, natürlich nicht ohne mir nehmen zu lassen, sie zu fragen, was ihr dieser Triumph denn nun genau bringt. Leider bekam ich anstatt einer Antwort nur Beleidigungen. Es ging mir zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht in den Kopf, inwiefern es ihr Leben besser macht oder bereichert, zu wissen, dass ich sie jetzt leider übertrieben scheiße finden muss, was ja nicht nur ein künftiges freundschaftliches Miteinander ausschließt und gemeinsame Freunde belastet (also auch übertrieben egoistisch ist - erwachsene Menschen sollten sich zwischen Arbeit und Studium, Partnern, Kindern und allgemeinem Lebensstress nicht noch die Frage stellen müssen, wen sie mit wem einladen können und wen wegen infantilster Kinderkacke nicht), sondern vor allem, und das ist das bedauerlichste, die Erinnerung an alles vergangene wertlos macht.

Augenblicke sind nur Augenblicke, schon vorbei, wenn sie angefangen haben, der Wert von Augenblicken liegt in den Erinnerungen an sie. Manche Menschen können das nicht und müssen Momente solange überspannen, bis sie zunichte gemacht sind. Bei manchen scheint es Methode zu sein, Beziehungen, die keinen Sinn haben ins Absurde zu zerren, da ihnen ihre Erinnerungen keine Freude bereiten können. Vielleicht greift ja auch einfach nur Machiavellis Feststellung:

„Auch täuscht sich der Mensch in den Dingen, die ihn selbst betreffen, und besonders in dem, was er sehnlich wünscht. So läßt er sich aus Ungeduld und Selbsttäuschung in Unternehmungen gegen die Zeit ein und nimmt ein unglückliches Ende.“

Discorsi

Vielleicht geht es auch nur darum, sich vor dritten damit profilieren zu können, dass jemand so dumm ist, ihnen zu glauben und einer Beziehung wirklich den Wert einräumt, welchen man ihm bewusst vorlügt. Vielleicht auch einfach eine Mischung aus alledem…

So zumindest bei ihr und es zeigte sich, dass ich ihr tatsächlich lediglich einen lang gehegten Wunsch erfüllt habe und es nur um die extreme Ablehnung, ging - und natürlich darum, einzelne dieser bitteren Bemerkungen meinerseits aus dem Kontext zu reißen (zum Beispiel aus wörtlich zitierten Selbstbezichtigungen Beleidigungen zu machen) um sich und anderen vorlügen zu können, dass man sich als fieses Arschloch entpuppte hätte…

Das herauszufinden war der Moment, als sich mein Weltbild wieder graderückte; die Erkenntnis, dass sie trotz all ihrem „Oberfotzen“-Gelaber, all der Selbstbezichtigungen, all der Dinge, die sie fälschlicherweise als „sie hätte mich ja gewarnt“ vorschieben kann, unter all den Schichten des Selbstbetruges, des Selbsthasses und der Selbstverleugnung den inneren Glauben braucht, ja doch irgendwie alles richtig gemacht zu haben. Selbst wenn der innere Spagat vonnöten ist, jemanden gezielt so lange wütend zu machen, bis man sagen kann „ich musste dich solange gezielt wütend machen, bis du wütend bist, weil ich wusste, dass du wütend werden würdest und jetzt hast du die Maske fallen gelassen“ - was sie tatsächlich so gesagt hat (also geschrieben - man kann seine Lügen nur schwer vor sich aufrechterhalten, wenn man demjenigen ins Gesicht sieht, von dem man weiß, dass er die Wahrheit kennt).

„…mancher aus Überzeugung, mancher mit Hilfe von vielviel Kokain, jeder schafft es sich einzureden das Richtige zu tun. Das scheint ein relevanter Bestandteil des Menschseins zu sein.“

Ich. Weiter oben und woanders.

Mark Twain soll einst gewarnt haben „never argue with stupid people, they will only drag you down to their level and then beat you with experience“ und hatte wie üblich recht; die vorangegangenen Gemeinheiten auf beiden Seiten waren für mich Neuland und angesichts des rasenden Zorns, der die Rolle des Fahrlehrers auf diesem neuen Terrain übernahm, weit unter meiner angestrebten Würde, für sie jedoch tausendfach geprobtes Heimspiel, eine wenig inspirierte Reihe von Standardsituationen, die sie routiniert abarbeitete und die mit diesem letzten geschilderten Hirnfurz dann ein endgültiges Ende fand; was sollte man auf so einen Unsinn auch antworten? Mein Welt- und Menschenbild funktionierte ohnehin wieder und die große Frage nach dem Warum (?!?) würde sich später auch noch beantworten. Schlussendlich habe ich mich und das, was ich sein will, durch das Mitspielen in diesem traurigen Spiel dennoch nur ergebnislos selbst verraten. Für einen Menschen, der es alleine deshalb schon nicht wert ist, weil er nichts wert sein will. So erschien es mir zumindest.

Moment - stupid? Klingt es nicht, als sei ich auf relativ intelligente Perfidie hereingefallen?

Cut.

Mir fiel letztens das Buch des Autoren und Süddeutsche Publizisten namens Axel Hacke in die Hände. Das Buch trägt den griffigen Titel Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, ist 2018 als Taschenbuch bei Goldmann erschienen und sehr geil. 

Auf seiner kurzweiligen Suche nach dem Anstand und wie man ihn bedient, geht er auch viel auf die Frage ein, was der Ursprung des Bösen ist. Auch er hangelt sich an Epiktet, Platon, Marc Aurel und anderen großen Denkern des moralisch richtigen entlang und findet einen überaus treffenden Begriff für das Gegenteil: Seelendummheit. Er meint, dass Bosheit Dummheit sei, will es aber von intellektueller Dummheit abgrenzen, was auch sehr wichtig ist. Ein niedriger IQ macht Menschen nicht böse, ganz im Gegenteil; intellektuelle Dummheit ist Triebfeder der menschlichen Existenz. Hacke verweist hierbei auf Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“, einen langen Monolog der Torheit selbst, wie sie mit überaus beißendem Witz darauf hinweist, dass sie die mächtigste aller Götter sei und es daher als ungerecht empfinde, dass niemand sie angemessen preise (wirklich, wirklich lesenswert). Menschen binden sich aneinander, lassen sich das Herz brechen und binden sich erneut. Frauen durchlaufen die Tortur der Schwangerschaft, gebären und lassen sich erneut schwängern. Unsere Existenz und unsere Torheit brauchen einander. Ein Film, der die Verbindung zwischen mangelnder Intelligenz und dem Fortbestand der Menschheit wohl am treffendsten auf den Punkt bringt, wäre übrigens Idiocracy.

Nein, Hacke meint eine spezielle Dummheit. Eine Dummheit, wie sie gerade auch klugen Leuten zueigen sein kann, Leuten, die zwar ein hervorragend funktionierendes Gehirn haben, aber eine unfassbar dumme Seele. Seelendummheit halt.

Wenn ich mich heute umsehe, springt mir diese Dummheit geradezu mitten ins Gesicht. Ein Virus kündigt sich an, Corona der Name des kleinen Frechdachses, und von jetzt auf gleich - kein Klopapier mehr da, keine Nudeln, keine Sahne, kein Dosenfutter, keine Seife, kein Desinfektionsmittel. Nicht, weil wir zu wenig hätten - ich habe noch nie erlebt, dass Klopapier ausverkauft war, oder sonst irgendwas davon - sondern einfach nur, weil einige wenige das Gehirn abgeschaltet haben, ins nächste Geschäft gerannt sind und alles zusammengerafft haben. Diese Leute müssen nicht dumm sein. Sie können Ingenieure gewesen sein, Beamte, Bankkaufleute, Wasweißichwas, also grundsätzlich in der Lage sein, komplexe kognitive Aufgaben zu lösen, und dennoch ist da nichts in ihnen, dass sie daran hindert dumme Kurzschlüsse zu ziehen. Nichts sagt ihnen, dass sie es sind, die den Notstand hervorrufen, wenn sie jetzt Hamstern gehen. Derselbe Mechanismus, der versagt, wenn er anderen nicht sagt, dass sie es sind, die sich gerade mit Vergewaltigungsfantasien hervortun, wenn sie Claudia Roth wünschen, dass sie mal von ihren „Gästen“ besucht werden möge. Oder anderen... ach, egal. Ich ärgere mich nur wieder. Am nächsten Tag von Instagram bis Bild; leere Regale und *schnipp* die nächste Gruppe, und diesmal ungleich größer, verliert kollektiv die Zurechnungsfähigkeit. Am nächsten Tag folgerichtig noch mehr, noch leerere Regale und ein Schmutzfink sieht sich die Bilder an und fragt sich, ob er noch genug Klopapier hat. Hat er. Ruhe bewahren. Unsere Gesellschaft wird nicht an Klopapier kollabieren. Es ist das nahezu lehrbuchhafte Zusammenspiel aus der Seelendummheit weniger und der Psychologie der Massen nach Le Bon. Du meinst jetzt, joa, selbstsüchtige Arschlöcher raffen und der Mensch ist ein Herdentier - Allgemeinplatz, nech? Ja! Seitdem! Seit Le Bon! Warum lernen Kinder das denn nicht in der Schule? Die Mechanismen zu kennen, würde sie als Erwachsene vor viel Dummheit bewahren.

Was soll das den Leuten denn auch bitte nutzen? Nicht nur denen, auch Preppern oder solchen Leuten? Irgendwo les ich gerade, in den USA herrscht Ansturm auf die Waffenläden. Geil! Und dann? Ich stell mir grad Oppa Heinrich vor, wie er auf seinem Anglerstuhl mit geladenem Jagdgewehr, in seiner alten Bundeswehruniform im Flur hockt und auf die Türe zielt. Hinter ihm Berge von Klopapier; Omma Hilde derweil in der Küche, die unzähligen Konserven nach Verfallsdatum am Sortieren dranne. Aus dem Fernseher im Wohnzimmer dröhnt in Discolautstärke N24 - die Katastrophe spitzt sich offenbar zusehends zu. Nostalgische Gefühle kochen auf und das erste Mal in den 30 Jahren nach Ende des Kalten Kriegs sieht man Oppa Heinrich mal wieder lächeln. Nochmal; und dann? Man stelle sich mal vor, alles wird schlimmstmöglich. Der Virus mutiert nochmal, wird supertödlich, wir gehen reihenweise drauf und die Grundversorgung bricht zusammen. Die superintelligenten Vorsorgetreffer laben sich an ihren Vorräten. Die vom Postillon veröffentlichten 10 besten Rezepte mit Nudeln und Klopapier avancieren zur heiligen Schrift der neuen Zeit - und irgendwann ist alles alle und sie kommen aus ihren Löchern gekrochen und was werden sie vorfinden?

Eine funktionierende Gesellschaft. Was auch sonst?

Die Menschen, die nicht gestorben sind und nicht asozial sind und sich in ihren Vorräten verstecken, die haben beim Rewe vor der Tür gestanden und die Hälfte aus der letzten Stange Toastbrot gegen die Hälfte der letzten Butter getauscht, eine Dose Erbsen gegen ein paar Löffel Zucker. Hausgemeinschaften haben das verbliebene Klopapier zusammengetragen und aufgeteilt. Die Bürger treffen sich zu Versammlungen und überlegen, wie sie die Scheiße in den Griff kriegen, kurz; sie kommen in eine Gesellschaft, in der sie geächtet sind und das Leben der niedersten führen werden.

Woher ich weiß, dass die Verbliebenen sich genau so verhalten werden?

Weil sie das immer taten.

Weil das die eine Sache ist, die Menschen können, die absolute Kernkompetenz des Homo sapiens - Gemeinschaften zu gründen; komplexe Sozialstrukturen auszubilden. Der einzige Grund dafür, dass der erste Mensch bei der ersten Begegnung mit einem Säbelzahntiger nicht auf der Stelle auch der letzte Mensch war, besteht darin, dass er Homo Homies am Start hatte. Mit Steinen. Diese Fähigkeit hat uns an die Spitze der Schöpfung katapultiert und auf die können wir uns verlassen. Solange nur eine Handvoll Menschen überlebt, werden sie eine Gemeinschaft bilden in der jeder aufeinander aufpasst, bis sie wieder an der Spitze stehen und sich selbst der liebste Feind werden. Wenn ich einkaufen gehe, bin ich guter Dinge. Die meisten Leute, die ich sehe, kaufen was sie brauchen und sonst nichts, ich sehe überall die Seelenklugheit von Menschen, mit denen ich mir keine Sorgen um die Zeit nach dem Zusammenbruch mache. In den USA wird das anders laufen: wenn die seelendummen Arschlöcher aus den Löchern gekrochen kommen, dann bis an die Zähne bewaffnet. Diejenigen, die sich heute vorgeblich zum Schutz ihrer selbst und ihrer Familien mit Waffen eindecken, werden nach dem Zusammenbruch das eigentliche Problem darstellen.

Und dennoch, egal wie man es dreht und wendet: diese Leute sind die Opfer. Sie leben ständig in der Angst, dass ihnen jemand etwas wegnähme. Sie denken ja nicht böse. Sie legen lediglich die Schablone ihrer eigenen Beschränktheit auf den Rest der Welt an und wenn sie recht hätten - hätten sie ja recht.

Eine Welt in der alle Menschen so denken, wie die, wäre tatsächlich die schlimmste Welt, die ich mir vorstellen kann und mir dann vorzustellen, dass diese Leute in ihrer gemeinsamen Psychose immer in dieser Welt gefangen sind, in der Furcht, dem Hass, dem Misstrauen, dann tun sie mir leid. Aus allertiefster Seele.

Aber zurück zu der menschlichen Eigentümlichkeit komplexe Gemeinschaften zu bilden. Womöglich haben wir es in dieser Gemengelage tatsächlich sogar mit einer Art nachweislichem Gut und Böse zu tun. Wenn wir den Menschen als zwangsläufig soziales Wesen begreifen, und „Gut“ und „Böse“ als menschlichen Maßstab seine Existenz betreffend, dann wäre das Einfügen ins Sozialgefüge gut und eben das Anecken, das Ausderreihetanzen, die Gefährdung des Sozialgefüges schlecht. Als plakatives Beispiel: in der Reihe anstellen. Es gibt kein Gesetz welches besagt, dass man sich, wenn viele Leute das gleiche wollen, nacheinander in eine Reihe zu stellen hat und nacheinander bedient werden wird. Dennoch handhaben wir es so und finden jeden kacke, der einfach nach vorne geht und dieses nicht existierende Gesetz umgeht. Aber wieso sollte er nicht? Es ist doch nicht verboten? Nicht vorm Gesetz, aber vor unserem Zusammenleben. Es gibt Gesetze, die braucht man nicht niederschreiben, damit sie Gültigkeit haben. Platon lässt seinen Sokrates in der Politeia angesichts einer vergleichbaren Fragestellung feststellen:

„Solche Gesetze könnte man gar nicht in Wort und Schrift fassen, und wenn, dann hätten sie keinen Bestand. Andernfalls werden sie ihr Leben lang viele derartige Gesetze geben und wieder verbessern und glauben, damit das Glück zu erhaschen!“

(erhathaschengesagt)

Jede Gesellschaft bildet eine gewisse Normierung. Sich in diese Norm einzufügen wird erstmal als gut wahrgenommen, da es die Gesellschaft stabilisiert und erhält und somit auch die in ihr zusammengefassten Individuen; sich ihr zu widersetzen als böse, da mit dem Zusammenbruch einer destabilisierten Gesellschaft auch immer eine Bedrohung der in ihr enthaltenen Individuen einhergeht.

Äh, fragst du nun gelinde irritiert, das soll’s sein? Wer normal ist, ist gut und wer anders ist, ist böse? Natürlich nicht, aber vorerst muss ich das im Sinne der Stringenz des Gesamtwerkes nun leider so stehenlassen. 

Aber was hat das nun alles mit meiner schwierigen Frauenerfahrung zu tun? Nun, als ich in meiner Verzweiflung darüber, dass ein Mensch, den ich gerne in positiver Erinnerung behalten würde, aktiv alles tut, um sich meinen bodenlosen Hass zuzuziehen, eine Freundin konsultierte, kam die Antwort „Borderline, ist doch klar“ mit solch einer Selbstverständlichkeit wie aus der Pistole geschossen, dass ich es schon aus Prinzip nicht wahrhaben wollte. Erst sehr viel später (nämlich während eine emotional deutlich aufgeladenere Vorform dieses Textes hier entstand und sich herauskristallisierte, dass dieser kurze und an sich ja auch unwichtige Abschnitt meines Lebens als direkteste Konfrontation mit einem bewusst bösen Menschen ein relevanter Ankerpunkt eines ganzen völlig anderen Artikels wird) zückte ich tatsächlich mal den großen Brockhaus und siehe da - das hätte ich schon viel früher tun sollen:

„Borderlinesyndrom:

psych. Störung, die sich durch ausgeprägte Stimmungsschwankungen, intensive, aber instabile zwischenmenschl. Beziehungen, Impulsivität, Aggressivität und mangelndes Selbstvertrauen auszeichnet; hinzu kommen selbstschädigende Aktivitäten (z.B. Selbstverletzung, Substanzmissbrauch, risikoreiches Autofahren). [...]“

Es war geradezu - wie sagt man? - mindblowing, wie zutreffend dieses Sätzchen daherkommt.

Die 35 bändige Enzyklopädie GEOthemenlexikon, selber in enger Zusammenarbeit mit dem Brockhaus Verlag entstanden, weiß in Band 12 -„Psychologie“ - neben dieser Definition ergänzend „auf einen Konfliktbereich begrenzte Denk- und Wahrnehmungsstörungen“ hinzuzufügen. Zudem wird hier gewarnt, dass nur erfahrene Therapeuten, die sich ihrer Methode sicher sind und sich gut abgrenzen können, versuchen dürften solchen Menschen zu helfen, „denn Patienten mit Borderlinestörungen neigen sehr dazu, den Therapeuten zuerst als allmächtigen Heiler zu idealisieren und ihn dann als völlig inkompetent zu entwerten.“

Mit einem Mal begriff ich die Kausalkette zwischen (sinngemäß) „du verstehst mich wie sonst niemand und bist das, was ich immer gesucht habe“ (inklusive Karma, kosmischer Zusammenhänge und Prophezeiungen verstorbener Familienmitglieder) hin zu (sinngemäß) „ein für alle Mal; du hast keine Ahnung wer ich bin, hast du nie gehabt und die Tatsache, dass du trotz allem versuchst mich anständig zu behandeln widert mich an“. Schlagartig fiel es mir wie Schuppen von den Augen: offenbar habe ich völlig unwissend die Therapeutenrolle im Leben einer unendlich traurigen und zutiefst gestörten Person übernommen, ohne auch nur ansatzweise die notwendige Kompetenz dazu mitzubringen. Geht in diesem Zusammenhang ja gar nicht. Natürlich übernehmen Partner füreinander immer auch eine gewisse Therapeutenrolle - das ist doch der eigentliche Zweck längerfristiger Beziehungen und unsere allgemeine Unfähigkeit zu solchen ist meines bescheidenen Erachtens ja auch Ursprung der Hochkonjunktur für Psychiater und Wunderheiler. Das beruht aber darauf, sich einander zu öffnen und eben nicht darauf, sich abzugrenzen. Sich abzugrenzen ist super in einer Arzt-Patient-Beziehung oder bei Sozialexperimenten aber dämlich in einer Beziehung. Sogar die Unsicherheit in meinen „Methoden“ als eben unerfahrener „Therapeut“, der keine Ahnung hat, wie man mit diesen unberechenbaren Affekten umgeht, hat sie mir zum Vorwurf gemacht.

Ein letzter Versuch die Wogen zu glätten, als ich die Lügen noch nicht als solche durchschaut hatte. In der langen folgenden Funkstille, während der ich erst langsam begreifen sollte, was mir widerfahren ist, kam dann der Zorn.

Wann hätte ich diese Kompetenz auch aufbauen sollen? Ich interessiere mich nicht für Psychologie, ich interessierte mich für einen Menschen, der mir sehr am Herzen lag. Ich bekam ja mit, dass sie ernsthafte Probleme mit sich selbst hat, las die Muster ihres Verhaltens, analysierte ihre Nachrichten und versuchte irgendwie sie von diesem absonderlichen Wulst, den sie ständig aufbaute, zumindest ein Stückweit zu entlasten. Unsere Chatverläufe sind mittlerweile alle wegen diverser Umstände gelöscht, doch habe ich die prägnantesten und verrücktesten Nachrichten seinerzeit schon alle gescreenshottet und es ist für die Wissenschaft ein wirklich bedauerlicher Verlust, dass ich (bis auf das harmlose Beispiel) zu anständig bin, sie zu teilen. Ich hätte seitenweise geradezu exemplarische Lehrbuchbeispiele für „auf einen Konfliktbereich begrenzte Denk- und Wahrnehmungsstörungen“ zu bieten, die alle mit meinem Ende im Nirvana der Apple Cloud verpuffen werden. Ich schwöre euch; wenn man es nicht gesehen hat glaubt man es einfach nicht, wie jemand aus einer banalen Nachricht mit einer einfachen Frage zehn Fässer aufmachen kann um einem im selben Atemzug vorzuwerfen, dass man so viele Fässer aufmache, nur um dann, wenn man in mühevoller Kleinstarbeit versucht all diese Fässer wieder zu schließen, vorzuwerfen, dass man „ständig“ so lange Nachrichten verfasse. Ebensowenig, wie man sich ohne es erlebt zu haben vorstellen kann, wie es ist mit einem Menschen zu interagieren, der alles was er gestern gesagt hat vergessen hat und alles was er vorgestern sagte, ja eigentlich genau gegenteilig meinte. Man ist ständig in einem erstaunlich verwirrenden Modus zwischen Zorn, Mitleid und Verzweiflung - zumindest bis man begreift, dass dieser Mensch einfach nichts meint, was er sagt. Was ich nicht begriff. Manche Menschen, und offenbar gehöre ich dazu, sind halt anfällig dafür gebraucht zu werden und kriegen es irgendwie nicht hin einfach „fick dich selbst du verlogenes Stück“ zu sagen, wenn sie regelmäßig beteuert kriegen wie wichtig sie für einen seien.  

Zuletzt folgte ein Ausflug zu netdoktor.de - und dann saß ich da. Habt ihr eine Ahnung, wie das ist, wenn man seinen gesamten Beziehungsverlauf 1 zu 1 als kurzen und uninspirierten Internetartikel eines völlig Fremden nachlesen kann? Wenn man sich mit einem Mal jeder Individualität, jeder Persönlichkeit beraubt sieht und feststellt, dass man nichts weiter als ein gängiges Krankheitssymptom war? Ich sage es euch - es fühlt seeeehr speziell an. 

Wenn man sich dann daran erinnert, dass man im Zorn Sätze, wie „du hast dich schon verdient“, hat fallenlassen, dann wird einem schnell klar, dass das für einen frustrierten weil abgeschossenen Ex, dem es plötzlich vorkommen muss als sei er auf das mit Abstand verlogenste Kackstück des Universums hereingefallen, völlig angemessen ist - genaugenommen ist es sogar ziemlich harmlos.

Von einem Menschen jedoch, der (wenn auch unwissentlich) als Therapeut agiert, ist es wohl das fieseste, was einem gesagt werden kann - viel fieser noch als die stumpfen Beleidigungen ihrerseits, die lediglich Ausdruck einer überaus bedauernswerten psychotischen Störung sind, überhaupt sein könnten. Es ist ja eben die traurige Wahrheit, dass sie für mich nur eine zeitlich begrenzte negative Erfahrung ist, sich selbst jedoch über den ganzen Zeitraum ihrer Existenz ertragen muss. Und das hat einfach niemand „verdient“. 

Ohne diese Störung kann ich ja gar nicht nachvollziehen, wie es ist, nur mit schlechtem Gefühl in den Spiegel gucken zu können, mir, wenn ich nicht völlig drauf bin oder mich in der falschen Anerkennung eines von meiner perfekten Masche geblendeten Publikums sonnen kann, selber ständig wie ein mieses Stück Scheiße vorkommen zu müssen und immer irgendwelche extremen Trigger suchen zu müssen, um überhaupt irgendetwas fühlen zu können; ununterbrochen auf der Suche nach irgendeinem abstrakten Glück, ohne je wirkliche Befriedigung zu spüren - remember; „Bosheit ist immer eine Dysfunktion bei Dingen, die auch gut sein könnten“? Genau das ist es, konnte ich mir die große Frage nach dem Warum schlussendlich beantworten, was ihr trauriges Leben bereichert; das Wissen darum, dass ich sie übertrieben scheiße finde - es ist genau dieser Trigger der Extreme, der sie überhaupt etwas spüren lässt. Und das schlimmste; auch wenn die Symptomatik des Borderlines auf die 30 hin abklingt, folgt ohne professionelle Behandlung, und vor allem der Reflexion des eigenen Zustandes, darauf nur die Depression, eine ständig zunehmende innere Leere und richtig grässlich kann es werden, wenn Kinder ins Spiel kommen.

Wenn man das nun gegenüberstellt, also den kalten, hasserfüllten Zorn eines hinreichend klugen Menschen, der sich übel verarscht fühlt und in der Verarschung die eigene Intelligenz als Maßstab der vermeintlichen Bosheit des Gegenübers annimmt, auf der einen Seite und einer mitleiderregenden Pathologie auf der anderen Seite - wer von uns ist dann der „bösere“ Mensch?

Exakt.

Ich.

🤷🏽‍♂️.

Umso dümmer, dass ich sie mit dem Befund der Freundin durchaus konfrontierte und ernsthaft fragte, ob schleichendes Borderline die eigentliche Ursache ihres eigenartigen und widersprüchlichen Verhaltens sein könnte. Ihre antwortende Tirade an Beleidigungen habe ich aber, da ich ja selbst nicht dran glaubte, zum Anlass genommen davon wieder abzurücken, anstatt sie als das zu sehen, was sie waren, nämlich ein deutliches Indiz voll ins Schwarze getroffen zu haben. Intellektuell habe ich mich in der ganzen Geschichte wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert... Und je länger ich darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es - so hat sie mir in einem ihrer vielen besonderen Momente aus heiterstem Himmel Verlassensängste unterstellt, was angesichts der Tatsache, dass ich ihr immer wieder anbot, die Sache einfach friedlich und vor allem freundschaftlich zu beenden, solange wir das noch können, geradezu hanebüchen anmutete, während ich in einer anderen Situation längst begriffen hatte, dass es ein klassischer Kniff pathologischen Selbstbetruges ist, seine eigenen Affekte in näherstehende Personen zu projizieren, und dass es gerade diese manische Verlassensangst ist, die Borderline häufig am offensichtlichsten auszeichnet, las ich dann in der Recherche zu diesem Text. Überhaupt hat mir die Drehbuchautorin meines Lebens in ihrem eigentümlichen Humor zeitgleich einen ebenso pathologischen Narzissten vorgesetzt, den ich relativ bald als solchen Diagnostiziert hatte. Obwohl diese beiden Krankheiten so viele Parallelen aufweisen, dass die Wissenschaft phasenweise davon ausging, dass sie die männliche und die weibliche Variante der selben Seuche seien (was wohl nicht stimmt), habe ich es nicht angewandt bekommen. Das kurioseste; gerade ich bin mit meiner speziellen Art, in der ich mich selten von Beleidigungen oder Anfeindungen triggern lasse, sondern immer in entspannter Distanz versuche zu eruieren, welches Problem mein Gegenüber mit sich selbst hat, was sich gerade auf mich entlädt, tatsächlich der perfekte Partner, den eine Borderlinerin nur haben kann - vorausgesetzt natürlich auch hier; sie befindet sich in Therapie. Unzählige Male, habe ich in ruhiger und mühseliger Kleinstarbeit ihre Barrieren abgebaut, ihre Mauern durchbrochen und immer wenn ihre Aggressionen wieder auf Verlassensängste umswitchten, sie sich völlig zerknirscht in Selbstvorwürfen erging und mich fragte ob ich (oder meine Freunde) sie jetzt hasse(n), konnte ich nur verwundert fragen, warum ich oder irgendjemand das sollte. Natürlich breite ich vor niemandem unsere Probleme aus (falsche Antwort, weil: kein Drama). Wir könnten doch über alles reden? Zumal es gerade für einen Menschen, der das zweifelhafte Glück hat, ich zu sein, ganz schön heuchlerisch und unreflektiert daherkäme, Gestörte für ihre Gestörtheit zu verurteilen... Sie hat mich sogar des Öfteren gefragt, ob ich jetzt über sie schreiben würde. Erst heute weiß ich, dass es keine Sorge war (es gab wie gesagt keinen Anlass), sondern ihre Hoffnung. Schade für sie, dass sie das hier nicht lesen wird. Sie könnte sich in der Genugtuung suhlen, dass sie mich so lange so beschäftig hat, sich super awesome vorkommen und hätte wieder eine schöne Geschichte um damit zu prahlen - also das perfekte Happy End auf der ewigen Suche nach irgendeinem Trigger, der ständigen Konstruktion irgendwelcher Dramen.

Dass ich trotz all des pseudorationalen Geblubbers hier dann dennoch schwer am Rad drehe, wenn alles völlig umsonst war, kann ich mir dann guten Gewissens eingestehen - Emotionen machen Menschen nunmal irrational und ich bin ein Mensch. Vor allem ein Mensch, der zu keinem Zeitpunkt eine Ahnung hatte, was ihm eigentlich gerade passiert. 

Resümierend hatte ich einfach das Pech der Umstände. Wenn ich weniger ich wäre, hätte sie mich nie so kalt erwischen können. Ärgerlicherweise war ich halt keiner jener „dumpfen Trottel“, die sie sonst „ständig anschleppt“.

Ich gab es dann auch auf. Um es einmal klarzustellen; es ging mir zu keinem Zeitpunkt darum, dass Schluss ist, sondern wie. Ich wusste ja vorher schon, dass es keinen Sinn mehr hat und es waren nur ihre Beteuerungen, dass sie ohne mich nicht könne, wegen denen ich mich zusammenriss und es durchzog, bis sie selber den Absprung schafft. Ihr zuliebe, weil ich in meiner Naivität der Überzeugung bin, dass man auf alle Menschen mit denen sich der eigene Lebensfaden verwebt, ob man sich nun liebt oder einfach nur mag, achtgibt. Vor allem dann, wenn man sich wortwörtlich genau das versprochen hat. Auch wenn es Dinge gab, die sich anbahnten, die diese ganze Situation, sagen wir mal; komplex, gestalteten und ich das so nicht mehr lange hätte durchziehen können...

Lustigerweise hatten wir uns zwei Wochen zuvor auf ihre Initiative hin schonmal zum anständig Schlussmachen verabredet - aber dann wollte sie doch nicht. Dass sie mich ja nicht als Mensch verliere, sondern lediglich als Liebhaber und das in einer Situation, wo sie davon eh nichts hätte, wollte sie nicht gelten lassen. Ich begriff natürlich nicht, dass sich in dieser Situation erneut manische Verlassensängste gegen rationale Abwägungen durchsetzten. Also tanzte ich meinen Eiertanz ihr zuliebe weiter. Was mich dann so nachhaltig auf die Palme brachte, war diese triefende Undankbarkeit und grundlose Bösartigkeit, wie sie es dann tat, inklusive der wohl einzigen Wahrheit, die ich, seit ich sie kenne, je von ihr gehört habe - nämlich, dass jedes einzelne Wort von ihr von Anfang an gelogen war. Ein Satz auf den ich nichts mehr erwidern konnte, da sie mit ihm eine völlige Kontaktsperre einleitete. Wie soll man sich da nicht verarscht fühlen? Okay, wenn man weiß, dass sie einen Kampf gegen sich selbst, einen einer psychischen Krankheit gegen Selbstbestimmung ausgefochten hat, dass sie ihre Manie auf einen projiziert und infolge dessen an einem ein Abbild ihrer selbst bekämpft hat - dann kann man das entspannt zur Kenntnis nehmen; ein weiteres intellektuelles Scheitern meinerseits...

Naja, es hatte sich schnell in gewissen Kreisen herumgesprochen, dass ich wieder endgültig Single bin, es war Spätfrühling und, wie bereits angedeutet, hatte ich andere Dinge zu tun, neben denen es irgendwie unangemessen wäre, mich zu sehr mit meiner Ex zu befassen. Und das positive daran, dass sie beschloss, dass wir es wie Kleinkinder machen und uns fortan so scheiße wie möglich finden, war, dass ich mich von jeder Selbstverpflichtung rücksichtsvoll mit ihren „Gefühlen“ umzugehen als befreit betrachten konnte. Andernfalls hätte ich im folgenden einige Kreise gemieden (ein Plan, den sie dadurch, meine letzte wütende Nachricht in der verdrehten Überzeugung, nun moralisch im Vorteil zu sein, mit ihren Freunden zu teilen, zunichte machte), einige Erinnerungen nicht gesammelt und einige sehr bereichernde Freundschaften nie geschlossen - ganz zu schweigen davon, dass sie mir meine spätere Freundin vorgestellt hatte, die in einem anderen Verlauf alleine aus Rücksicht tabu für mich gewesen wäre.

Du meinst jetzt, dass das doch ein hinreichender Grund wäre, sie wenigstens dafür wertzuschätzen? Ja, ich war sehr nah dran, es genauso zu sehen, nur erschwerte sie es mir dadurch, dass sie das, kaum, dass sie es spitzgekriegt hatte, dem Ex meiner Freundin zutrug (was glücklicherweise aufgrund Erwachsenheit egal war), dass sie sich sofort der letzten Affäre meiner Freundin geradezu ins Bett schmierte (was wir auf eine mitleidige Art noch irgendwie Amüsant fanden), einen Urlaub darauf vergeudete, der Familie meiner Freundin in exotische Länder nachzureisen, um mit ihnen auf sozialen Netzwerken zu posieren (wo es schon langsam ernsthaft creepy wurde) und meiner Freundin dann auch noch hinter ihrem Rücken eine Affäre mit ihrem besten Freund, der auch ein sehr guter Freund von mir ist, andichtete, was schon ein wenig ärgerlich war. Zumal sie selbst mit ihm was angefangen hat, ihn aber auf der Stelle fallen ließ wie eine heiße Kartoffel (was schon heftig daneben ist), als sie dahinterkam, dass es mir völlig gleich ist, was sie treibt und mit wem; kurz, sie hat noch Jahre später alles getan, um sich an mir und meiner späteren Partnerin dafür zu rächen, dass sie schlussgemacht hat - das ultimative Paradebeispiel für „auf einen Konfliktbereich begrenzte Denk- und Wahrnehmungsstörungen“.

Für unseren gemeinsamen Freund war es sicher blöd zweimal nacheinander Spielball eines Menschen zu sein, den er für eine gute Freundin hielt, nicht begreifend, dass sie keine Freunde hat, sondern nur ein Reservoir an Menschen mit denen sie irgendeine fiese Scheiße abziehen kann, wenn sie sich mal wieder nicht genug spürt. Je tiefer die „Freundschaft“, desto befriedigender der Trigger wenn es dramatisch explodiert. Das einzige echte Opfer ihres Wahns, war aber wie immer vor allem ihre eigene Selbstachtung. Es entstand zwar noch ein bis heute unveröffentlichter Text „Über das Lügen“ aber dann war ich auch fertig und vor den Erkenntnissen, die später zu diesem hier führen sollten, bin ich auch ganz froh darum, den nur auf Kanälen, die nicht ganz so öffentlich sind, geteilt zu haben. Ich konnte in der Sache aufgrund der zeitlichen Nähe wirklich nicht für professionelle Distanz garantieren.

Joa, sagst du jetzt, das war ne Menge zu lesen und ich freue mich für dich, dass du in einer stumpfen Seifenoper mit einer wirklich uninspiriert geschriebenen Antagonistin leben darfst, während ich mich mit einer langweiligen Realität ohne billig konstruierte Dramen herumschlagen muss - aber was ist denn nun böse? Psychische Krankheiten? Oder was du vorhin meintest; Abweichungen von der Norm?

Nichts davon. Was ist überhaupt eine „psychische Krankheit“ und was eine Abweichung von der Norm? Sind ADHS Kinder konzentrationsschwach und müssen mit Drogen ruhiggestellt werden oder sind ihre Gehirne lediglich nicht empfänglich für die dümmliche Erziehungsmaschinerie eines gescheiterten Bildungssystems? Sind Menschen, die mental in der Lage sind lebendige Menschen mit Skalpellen zu zerschneiden, grausame Psychopathen oder unverzichtbare Chirurgen? Fragen über Fragen… Ich persönlich denke schon, dass eine genormte Gesellschaft grundsätzlich eine friedlichere ist, dabei ist jedoch wichtig ob es eine erzwungene Norm ist, also eine, die von „oben“ diktiert wird, oder eine „organische“ Norm, wie sie sich vor einem freiwilligen gemeinsamen Wertekonsens etabliert. In einer solchen werden sich immer Abweichungen herausbilden und einen Peak im Durchschnitt verursachen, einen Ausschlag aus der Normlinie, wobei es bei einem jeden einzelnen liegt, ob dieser Ausschlag nach oben erfolgt oder nach unten, ob ein Mensch, der von der Norm abweicht, die Durchschnittslinie der Gesellschaft insgesamt ein wenig anhebt oder mit sich herab zieht, ob man seine innere Unruhe in Drogen erstickt und in der Beschaffungskriminalität eine gewisse Brillanz an den Tag legt oder in kreativen Outbursts geradezu zelebriert, ob man Studentinnen in dunklen Parkhäusern zerstückelt oder Krebsgeschwüre aus lebenden Menschen herausschneidet. Ein Grund, warum ich die Borderlinethese ursprünglich so ablehnte, ist, dass ich nur eine Borderlinerin bewusst als solche kenne. Sie geht sehr bewusst und reflektiert mit der Krankheit um und immer wenn ich mit ihr zu tun habe, bestätigt sie mich erneut dahin, dass eine Abweichung von der Norm nichts per se schlechtes ist, da sie ganz zweifellos einer jener intellektuellen Leuchttürme ist, die die Gesellschaft im Zweifel mit nach oben ziehen. Ich denke, gerade hier kommt Hackes „Seelenintelligenz“ wieder zum tragen. Seelendumme Menschen kompensieren ihr Anderssein indem sie anderen Menschen schaden, seelenkluge Menschen indem sie andere bereichern. Nochmal; das hat mit einem messbaren IQ nichts zu tun, sondern ist eine Frage der inneren Einstellung, vielleicht auch des inneren Selbstwertgefühls.

Okeoke, coolcoolcool… und was ist nun böse?

Von Rache

Nun, ich denke die einzig reine Form von Bosheit ist die Rache. „Rache ist ein Gericht, welches man am besten kalt serviert“, so sagt man, und das ist auch der Kern des Bösen.

Rache entsteht nicht als Affekthandlung, nicht aus einem verqueren Weltbild, nicht als Symptom von Krankheitsbildern, wie Narzissmus oder eben Borderline, nein, Rache entsteht dadurch, dass mir jemand etwas antut, was ich als böse wahrnehme und bewusst beschließe dieses Böse durch die selbe Bosheit zu erwidern. Und eben nicht indem ich einen Menschen entmenschliche, sondern erst indem ich ihn als gleichwertig anerkenne - denn; was würde es den Löwen jucken, wenn die Gazelle ihn ärgert? Ergo ist Rache die einzige Handlung, die ich im vollen Bewusstsein darüber, dass sie vor meinem eigenen Wertesystem böse ist, ausführe. Die bekannte Gewaltspirale beruht eben nicht auf Gewalt, sondern auf dem Spannungsverhältnis Gewalt - Gegengewalt, weil es eben erst die Gegengewalt ist, die die Gewaltspirale in Gang bringt. Wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass zivilisatorische Konzepte, die das friedliche Zusammenleben vieler Menschen ermöglichen sollen, viel weniger die Gewalt bekämpfen, als vielmehr die Gegengewalt.

Es beginnt schon im Talion, dem „Auge um Auge, Blut um Blut“ Spruch des alten Testamentes, was als früher Versuch gelten kann, Rache um den Faktor „Verhältnismäßigkeit“ zu regulieren. Im Sinne von, wenn dir jemand ein Auge nimmt, dann hole dir eines von ihm und nicht beide. Wenn einer aus seiner Sippe einen aus deiner tötet, dann hole dir einen von ihm und rotte nicht gleich alle aus. Erste zivilisatorische Ansätze brauchen keine Heere, keine Polizei, keine Staatskassen, sie brauchen Richter, deren Wort gemeinhin gilt. Erst Richter und später eine Staatsgewalt machen Rache überflüssig und erst das Ablegen von Rache und resultierenden Blutsfehden machen Staaten möglich.

Wenn wir uns zum Beispiel Somalia ansehen, dann sehen wir ein unfassbar verzweigtes Netzwerk an Loyalitäten und offener Rache, die jeden Konsens völlig unmöglich machen. Der letzte Diktator Somalias, Siad Barre, konnte das Land befrieden indem er (unter anderem) bei drakonischen Strafen verbot, öffentlich seine Clanzugehörigkeit zu erwähnen. So machte er es den Menschen unmöglich herauszufinden, dass irgendeine Fehde sie ja eigentlich dazu verpflichtete einander zu erschießen. Mein Vater ist Somali und ich habe eine klare Faustregel zum Umgang mit anderen Somalis gelernt: beantworte niemals die Frage nach dem Namen deines Vaters. Verstörend, wenn man dann tatsächlich von Leuten, die einem irgendwie ähnlich sehen (mittelbraune Haut, hohe Stirn, europäische Nasenform) in schlechtem Deutsch nach dem Namen des Vaters gefragt wird...

Dummerweise widerstrebt das Unterdrücken des Rachedurstes unserer Natur. Rache zu üben fühlt sich wahnsinnig befriedigend an. Vor ein paar Jahren las ich in einem GEO Kompakt Magazin zum Thema Gut und Böse, dass die Vorfreude auf Rache die selben Areale im Hirn anspricht, wie die auf Sex, Drogen oder Zucker. Wenn das stimmt erklärt das einiges, was?

Dieses alte Klischee, dass Rache nichts bringe, ist schlicht falsch. Rache ist unglaublich befriedigend und bedient das innere Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Natürlich tun Menschen Menschen jeden Tag irgendwelche Scheiße an und das wenigste ruft nach Rache, wenn man nicht ein besonders Rach-süchtiger Mensch ist, was ja als Pendant zu Sex-, Drogen- oder Fresssucht betrachtet werden darf. Und selbst wenn uns Rache als angemessen erscheint; eine weitere zivilisatorische Errungenschaft schafft häufig Abhilfe: die Entschuldigung. Jeder kennt das, wenn man innerlich kocht und sich in Fantasien ergeht, wie man begangenes Unrecht heimzuzahlen gedenkt und wie einfach alles in sich zusammenbricht, dieses unendlich befreiende Gefühl, wenn der Missetäter von sich aus plötzlich mit einem simplen „sorry, das war mies“ rauskommt. Natürlich ist das auch wieder diese besondere Form der Intelligenz, die es erfordert. Die seelische Klugheit sagen zu können „das war dumm von mir“ auf der einen und die seelische Klugheit sagen zu können „passt schon, als ob mir das in vertauschten Rollen nicht hätte passieren können“ auf der anderen Seite. Die grässlichsten Menschen sind ja nicht jene, denen mal was Dummes passiert, sondern jene, die sich, wenn man sich dazu durchringt, die eigene Fehlerhaftigkeit zuzugeben in einer Machtposition wähnen und auch noch nachtreten. Das, was vor allem Rachsucht hervorruft, ist ein Angriff aufs Selbstwertgefühl oder abstrakter auf die persönliche Ehre. Wenn jemand wenigstens zeigt, dass er geknickt ist, dass er weiß, dass er sich falsch verhalten hat, dann ist da wenig Spielraum für Rache. Ganz anders verhält es sich aber, wenn er noch damit prahlt und auf dem eigenen Unglück rumtrampelt. Mich hat (ein letztes Mal zurück) meine spezielle Erfahrung da an die äußersten Grenzen der Selbstbeherrschung geführt. Wenn man extrem viele extrem kompromittierende Informationen hat, die teils unfassbar fiesen Kommentare über Menschen, die sie für eine Freundin halten, und sich dann anhören darf, dass man sich gefälligst selbst leid tun soll, dass sie Schluss gemacht hat, gepaart mit dem Wissen, dass es ihr gängiger pillow talk ist, damit zu prahlen, was sie mit den unzähligen Vorgängern für ne Scheiße abgezogen hat (aber das mit einem selbst natürlich niemals tun würde, weil man ja so besonders sei) und insofern bis heute schon Unzählige weitere mit der Geschichte unterhalten worden sein dürften, was sie an mir für eine, nun ja, Oberfotzennummer (um bei ihrem Terminus zu bleiben) abgezogen hat, dann springt einen diese Seelendummheit geradezu an.

Heute bin ich sehr froh, wenigstens etwas richtig gemacht und mir zwar weitestgehend angemessen Luft gemacht aber dem Drang nach Rache nicht nachgegeben zu haben, sondern ganz im Gegenteil sogar ihre Freunde davor gewarnt habe, die ganze Sache anzuschneiden, wenn sie weiterhin mit mir abhängen wollen, da ich bei dem Thema nicht für meine Rationalität garantieren kann und mir gerne trotz allem meine Integrität bewahren würde - was ich wohl im allerweitesten Sinne geschafft habe.

Einmal kam meine damalige Mitbewohnerin zu mir und beichtete kleinlaut, dass sie sie getroffen hätte und ja eigentlich ganz nett fände. „Na denn“, antwortete ich, während mir der üble Monolog durch den Kopf ging mit dem die Betreffende einst über sie hergezogen ist, riet ihr lediglich, der trotzdem kein Wort zu glauben und fand mich ziemlich geil. Ich bin ja sooo viel besser... Kunststück; vor den Informationen, die ich heute habe, muss ich immerhin annehmen, dass sie es tatsächlich jedes Mal selber glaubt, was sie den Menschen so vorlügt. Wenn eine absichtliche und bewusste Kränkung wegfällt, bleibt auch das Bedürfnis nach Rache aus. Man rächt wie gesagt weniger das Verhalten selbst als vielmehr die resultierende Kränkung. Ob nun die Angehörigen des verfeindeten Clans damit prahlen deinem Sohn das Leben genommen zu haben, was sie zu besseren Kriegern macht, ein Händler damit prahlt dich übern Tisch gezogen zu haben, was ihn zu einem besseren Kaufmann macht oder eben dein Ex Partner damit prahlt, dich so asozial, wie es eben möglich war abgeschossen zu haben, was ihn zu einem besseren, schlechten Menschen macht (was reichlich gestört ist) bzw. eine pseudohafte Illusion der Selbstbestimmtheit für einen zutiefst verunsicherten Menschen aufzubauen helfen mag (was reichlich normal ist).

All das schürt Hass und Rachsucht auf so vielen und so tiefen Ebenen unserer Psychologie, dass die reine Willenskraft häufig daran scheitert dieses Bedürfnis zu unterdrücken. Dieses demütigende Gefühl, dass sich jemand in unserem durch ihn verschuldeten Unglück, über uns erhebt, ist eben nicht damit abgehandelt, dass wir ihm das gleiche antun, sondern wir müssen es irgendwie steigern, damit wir uns über ihn erheben können, was den eigentlichen Bösewicht wiederum moralisch in die Lage versetzt, hierbei wieder gleichzuziehen. Gewaltspirale halt. Obwohl das sachlich betrachtet Schwachsinn ist, denken wir unterbewusst alle so und so vollzieht sich diese destruktive Spirale ständig irgendwo in irgendeiner Form.

Epiktet zieht im üblichen Gleichmut die Stoa heran und stellt fest:

„Denn es ist besser, frei von Kummer und Angst Hungers zu sterben, als ständig aufgewühlt zu leben. […] Wird dir ein bisschen Öl verschüttet, ein bisschen Wein gestohlen, so sage dir: »Das ist der Preis für Gleichmut, das ist der Preis für innere Ruhe.« Umsonst bekommt man nichts.“

Kurz; wer sich ärgern lässt und sich im Rachedurst verliert, verliert immer noch am meisten. Wer es schafft, gleichmütig darüber hinwegzusehen, gewinnt sogar was.

Oder noch kürzer: chill.

Und wenn mir jemand, um den ich mich immer so gut gekümmert habe, wie es in einer speziellen Situation eben möglich war, als letzte Worte mit auf den Weg gibt, dass ich am Alkoholismus krepieren werde - was, der Ehrlichkeit halber, absolut im Rahmen des Möglichen liegt - und man fertig mit mir sei, dann kann man dieser Person den einfachen Gefallen tun und sie fortan ignorieren (auch wenn es teils von solch abstrakter Absurdität daherkommt, dass ich nicht leugnen kann, mich immer noch darüber zu ärgern auf eine derart dämliche Zurückgebliebenheit hereingefallen zu sein - es war ja eben meine naive Dummheit ihr ernsthaft abzunehmen, dass sie nicht vorhätte, es genau da hin zu führen, die mich dazu brachte mich überhaupt darauf einzulassen, obwohl sie so gerne damit prahlt, das ständig zu tun), darf aber niemals vergessen, dass sie ein Mensch ist, ein Mensch, der mit Dämonen zu ringen hat, von denen ich nicht den Ansatz einer Vorstellung habe, und alleine diese Tatsache sollte man dankbar zur Kenntnis nehmen, den toxischen Kleinscheiß, der in einem brodelt, runterschlucken (Alkohol eignet sich bestens zum Nachspülen und wenn man ja eh schon weiß, wie man enden wird...😁🍻) und sich immer vor Augen führen, dass man trotz all der kaputten Scheiße, die man mit sich herumschleppt, neben so jemandem immer noch gesegnet ist.

Abschließen möchte ich dieses irritierende Thema mit einem Zitat der wohl großartigsten Serie, die ich je gesehen habe, und zwar „Lemony Snicket’s A series of unfortunate events“:

„People aren’t either wicked or noble. They’re like chef’s salads, with good things and bad things chopped and mixed together in a vinaigrette of confusion and conflict.“

Vom Gutsein

Und nun? Ich denke wir halten es am besten mit Konfuzius oder, genauer, dem, was uns (in diesem Fall von Reclam) als „Konfuzius“ überliefert wird:

„Die Wahrheit ist des Himmels Weg, die Suche nach Wahrheit ist der Weg des Menschen. Wer im Besitz der Wahrheit ist, trifft das Rechte ohne Mühe, erlangt Erfolg ohne Nachdenken, wandelt mit selbstverständlicher Leichtigkeit auf dem richtigen Weg. Das sind die Weisen. Wer die Wahrheit sucht, der wählt das Gute und hält es fest.

Um das zu erreichen, muss man umfassend erforschen, was das Gute ist, kritisch danach fragen, sorgfältig darüber nachdenken, Klarheit schaffen und entschlossen danach handeln.“

Oder wir wenden uns nochmal an Kant, der da feststellt:

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein GUTER WILLE. Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze als Eigenschaften des Temperaments sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist.“

Oder aber, um diese abschließende Zitationsschlacht mit den Worten einer grässlich jungen Version meiner selbst aus einem grässlichen Beispiel deutschen Sprechgesangs mit dem griffigen Titel „Was heißt es eigentlich Schmutzfink zu sein“ zu beenden:

„Schmutzfink heißt Größe zu zeigen, wo sonst der Kleingeist regiert

Schmutzfink ist der, der am Abgrund einfach weitermarschiert.“

Denn schlussendlich, und ich denke, das ist es, sind wir nicht für die Welt gut, für Gott, das Karma, oder welchen Schwachsinn auch immer.

Du bist für dich gut.

Sei einfach ein Mensch, den du nicht scheiße finden müsstest, wenn er dir begegnete. Du brauchst es niemandem recht machen, niemandem gefallen (im Gegenteil; wer Gauland gefällt, oder Seehofer, der macht was falsch), nichts für andere tun, sei einfach der Mensch, den du mögen würdest, wenn du ihn als Fremden träfest. Ich denke das ist alles. Wahre Güte ist blanker Egoismus, denn sie braucht die anderen nicht, sie ist für das gute Gefühl, wenn man abends im Bett liegt und nichts vor sich rechtfertigen muss. Sie ist ist für den warmen Schauer im Nacken, wenn man in einer Welt voller seelendummer und deshalb selbstsüchtiger, verlogener, rücksichtsloser, undankbarer und hasserfüllter Arschlöcher in den Spiegel sieht und sagen kann, ‚du mein brauner, bierbäuchiger Freund, du trägst keine Schuld an allem, du hast heute alles richtig gemacht. Vielleicht war nicht alles faktisch richtig, der Mensch ist nunmal fehlbar, aber du hast es versucht. Nach bestem Wissen und Gewissen‘.

Und dieses Gefühl ist großartig.

Dem können auch jene dummen, traurigen Seelen nichts mehr entgegensetzen, die sich in ihrer inneren Niedertracht von euch bedroht fühlen, die irgendwie versuchen euch zu sich hinabzuziehen, um sich in ihrer dunklen, traurigen Welt wieder irgendeine Erhabenheit einbilden zu können, es gar damit versuchen, euer einfaches Streben nach Anstand als „ekelhaftes ich versuche alles richtig zu machen mimimi“ ins Lächerliche zu ziehen; wir, meine schmutzigen kleinen Freunde, ihr und ich, wir wissen was richtig ist, wir können uns zurücklehnen und daran erfreuen, nicht diese Menschen zu sein. Nicht wegen uns ist diese Welt so wie sie ist, sondern wegen denen und wenn wir einst greis auf unserer Loggia sitzen, dabei zusehen, wie die Welt in Selbstsucht, Verlogenheit und Maßlosigkeit versinkt, dann zünden wir uns unseren letzten Joint an den Flammen der Apokalypse an, öffnen das letzte Pils, zucken mit den Schultern, lächeln und sagen uns ohne jedes Hadern mit uns selbst, ohne jeden Selbstbetrug; „wir“ waren das nicht, das waren „die“. Es waren unsere Freunde und Feinde, unsere Nachbarn und Fremde, unsere Familie und Menschen, die uns ferner kaum sein könnten, die Menschen, denen all unsere Zuneigung gilt und die Menschen, die wir hassen - es waren unsere Nächsten, die wir ausnahmslos lieben wie uns selbst und die wir deshalb alle gemeinsam retten oder wegen denen wir alle gemeinsam eines Tages untergegangen sein werden. Und solange wir das nie vergessen, laufen wir auch nie Gefahr, wie die zu werden.

Danke. 

Schmutz für die Welt ✊🏽

(2020)

War dein Plan nicht: irgendwie

Alle Menschen gut zu machen?

Morgen wirst du drüber lachen.

Aber bessern kann man sie.

Ja, die Bösen und Beschränkten

Sind die Meisten und die Stärkern.

Aber spiel nicht den Gekränkten.

Bleib am Leben, sie zu ärgern!

Erich Kästner, Warnung vor Selbstschüssen, 1929

Platon, Politeia

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